Von Jürgen Dauth

Das Land umfängt seine Freunde mit einer Art von Zauber, den sie nicht durchbrechen können, selbst wenn sie es wollten." – Ich lese diese Zeilen im Gedränge der Zollabfertigung am Flughafen von Rangun, jenem Nadelöhr, durch das man erst einmal geschlüpft sein muß, bevor man sich von dem Zauber einfangen lassen kann; von dem der Autor des Reisehandbuches "Burma" in seiner Einleitung schwärmt. Im Abstand von fünf Minuten waren zwei Boeing 737 gelandet, die etwa 250 Touristen ausspuckten. Augenblicklich scheinen sie alle gleichzeitig durch die 80 Zentimeter breite Tür drängeln zu wollen, hinter der der birmanische Amtsschimmel wiehert.

Hätte ich vor meiner Abreise die grauen Seiten meines Reisehandbuches gelesen, wäre mir nicht entgangen, daß ich in Birma einen Impfpaß benötige. So werde ich denn von dem Gesundheitsbeamten überrascht. Während ich mich in Gedanken als Cholera- und Pockenrisiko bereits wieder in der nächsten Maschine zurück nach Bangkok sehe, fällt der Blick des Beamten unmißverständlich auf die Plastiktüte mit meinem zollfreien Einkauf. Für eine Stange Zigaretten schmuggle ich mich an den keinesfalls steril aussehenden Injektionsutensilien vorbei, auf denen ein Fliegenschwarm gerade jene Krankheiten ablädt, die sie verhüten sollen.

Aus einem Lautsprecher dröhnt birmanische Folklore. 250 Menscnen kritzeln in Formularen: der persönliche Steckbrief, Warendeklaration, Gold- und Juwelenbescheinigung sowie Kameraformular – alles in mehrfacher Ausfertigung. Nach drei Stunden schleppe ich mich endlich an aufgepflanzten Bajonetten deutscher Machart vorbei "in eine Welt der Ausgeglichenheit, der Sinne und des Geistes", so das Reisehandbuch.

"Mister, Du verkaufen? Kugelschreiber, Zigaretten, Whisky? Hier bester Preis." Ein Kinderschwarm umringt mich. Nur eine rigorose Handbewegung kann mich davor bewahren, diesen Ort halbnackt zu verlassen. Eine Oldtimerparade – Opel, Vauxhall, Triumphs und Chevrolets aus den fünfziger Jahren – wirft die Motoren an. Eines dieser rollenden Automuseen mit Taxilizenz bringt mich in die 19 Kilometer entfernte Hauptstadt.

Rangun, die Metropole dieses südostasiatischen Landes, das zwischen Indien, China, Laos, Thailand und dem Golf von Bengalen eingezwängt ist, muß früher einmal sehr schön gewesen sein. Doch über die kolonialen Bauten – eine Mischung aus viktorianischem Pomp und humanisierten Elementen, die den Pagoden und Tempeln nachempfunden sind – hat sich ein schmutziger Schleier von Flechten und Algen gelegt. Die Kanalisation ist zum Stillstand gekommen. Die etwa 3,8 bis fünf Millionen Einwohner – wer weiß das schon genau – teilen sich den engen Lebensraum mit Millionen von Ratten. Birma, die einstige Reiskammer Asiens, zählt heute zu den zehn ärmsten Staaten der Welt.

Zwar hat die Natur das Land reich mit Rohstoffen gesegnet. Doch der birmanische Sozialismus, der absolute Blockfreiheit und Selbstgenügsamkeit in den eigenen Grenzen anstrebt, erweist sich als überaus schwieriges Experiment.