Moskau

Bekommt die angloamerikanische Schule in Moskau eine neue Schülerin? Geht die dreizehnjährige Olga Peters nach den Herbstferien in eine Klasse am Leninski Prospekt? Es wird nicht leicht für Stalins Enkeltochter, hier in Moskau. Sie ist in den USA geboren und hat bis Ende Oktober in Cambridge gelebt, in der beschaulichen englischen Universitätsstadt. Ihre Mutter Swetlana ist die Tochter des früheren sowjetischen Parteichefs Josef Stalin.

Überraschend für die Öffentlichkeit ist sie nach 17 Jahren wieder in die Sowjetunion zurückgekehrt, mit Olga. Kann das Mädchen überhaupt Russisch? Ist die Heimat ihrer Mutter für sie nicht fremdes Ausland? Rätselraten unter den Moskauern, seitdem das sowjetische Fernsehen am 2. November die Nachricht von der Rückkehr Swetlanas nach Moskau bekanntgab.

Victor, ein Moskauer, ist überzeugt: "Nun wird Stalin wieder aufgewertet." Am 9. Mai 1985 wird die Sowjetunion den 40. Jahrestag des Kriegsendes feiern. Schon jetzt laufen Propagandakampagnen, im Fernsehen wird der Kampfhandlungen und Befreiungen verschiedener Städte gedacht, ein Film über Marschall Schukow hat bald Premiere.

"Dann wird man bei uns irgend etwas zu Stalin sagen müssen. Schlecht, ihn zu übergehen, er hat den großen vaterländischen Krieg ausgerufen, und er hat ihn gewonnen. Unsere Partei kann in Reden und Berichten an der Stelle von Stalin kaum einen anderen Namen einsetzen."

Vielleicht haben Denker und Planer im Kreml oder im Zentralkomitee an den nächsten Mai gedacht, und ihnen fiel dabei nicht nur Josef Staun, sondern auch dessen einzige Tochter ein. Swetlana Allilujewa, das Kind von Stalins zweiter Frau Nadeschda, war 1967 über Indien und die Schweiz in die USA geflohen. Dort hatte sie den Architekten William Peters geheiratet. Olga, die Dreizehnjährige, stammt aus dieser Ehe. Swetlana war nicht sehr schweigsam in den USA. Als ihr zweites Buch erschien, entzog das Vaterland ihr die Staatsbürgerschaft.

"Das wäre doch unangenehm", folgert Tanja, eine Moskauer Studentin, "wenn Swetlana im Westen im nächsten Jahr andauernd Interviews gäbe. Immer wenn die Partei etwas aus der Stalinzeit veröffentlichen ließe, würden eure Zeitungen Stalins Tochter fragen: ‚War das so? Wird da etwas verdreht, verschwiegen oder verschönt?‘ Dann gäbe es ein richtiges Spiel: die Partei gegen Tochter Stalin über Vater Stalin. Das würde die Glaubwürdigkeit der Sowjetunion herabsetzen."