Der beste Sänger ist Julio Iglesias. Muß er ja sein, denn die Zeitungen schreiben nur über ihn. Der beste Klavierspieler muß demnach Richard Clayderman sein. Lange Zeit war der beste Prosa-Autor Peter Handke, jetzt sind wir uns da nicht mehr so sicher, gell? Der beste Theater-Autor ist Botho Strauß. Muß er ja sein, es werden keine anderen Götter neben ihm geduldet, seine Sahnetörtchen sind die schönsten. Und der beste Fernseh-Autor muß Edgar Reitz sein, weil er auf jedem Titelbild jeder Illustrierten ist und in jedem Feuilleton jeder Zeitung und 16 Stunden im Fernsehen und nun auch noch im ZEITmagazin, wo wir gerade schon dachten, jetzt hätten wir es aber endlich hinter uns.

Was hat Edgar denn, was andere nicht haben? Er hat den richtigen Film zur richtigen Zeit gemacht. Und er hat ihn am richtigen Ort den richtigen Leuten zuerst gezeigt, und dann lief die Maschine auch schon an, aber das muß ich natürlich näher erklären.

Wovon wird in diesem unserem Land von dieser unserer Regierung so oft und gern geredet? Richtig: von der Heimat. Da kommt ein Film, der genauso heißt, schon mal von Haus aus gut an. Und wenn man den nicht gleich im Fernsehen zeigt, sondern ihn auf Filmfestspielen zutiefst gerührten Cineasten vorspielt, dann ist das schon die halbe Miete. Die reiben sich nämlich verwundert die rotgeweinten Augen und seufzen: daß es so was Schönes noch gibt ... Heimat! Das haben wir ja über lauter Mann-liebt-Frau,-die-aber-einen-andern-liebt-Filmen ganz und gar vergessen. Wir haben ja alle eine Heimat! Also, daß sich das mal einer zu sagen traut, und gleich 16 Stunden lang ... das ist aber dann doch Fernsehgeschichte, oder? Ja, doch, das ist Fernsehgeschichte, Kinogeschichte zu schreiben war dem unglücklichen Edgar Reitz ja leider nicht vergönnt mit seinen zähen Filmen, aber Fernsehgeschichte wollen wir ihm wenigstens zugestehen, und damit das blöde Fernsehvolk es auch merkt, schreiben wir es schnell in alle Zeitungen.

Wir, die wir dieses lasen, konnten es gar nicht recht glauben – sollte ein Thema, das es schon im Fernsehen gab, seit es Fernsehen gibt, nur deshalb jetzt ganz neu entdeckt worden sein, weil es gleich elf Folgen lang ausgewalzt wurde und weil es so schön zur Wende ...? Da war doch Martin Sperr gewesen, in den späten 60ern – hatte nicht alles, was er schrieb, mit Heimat zu tun? Hat Kempowski denn ganz umsonst soviel aufgearbeitet? Haben Eberhard Fechner und Egon Monk nicht Filme zum Thema Heimat gemacht, gibt es nicht insgesamt bestimmt zwanzig Fernsehspiele von Otto Jägersberg/Westfalen ("Veränderung, in Milden", "Land", "Pawlaks" u. a.) und Bernd Schroeder/Bayern ("Grinning", "Stadt im Tal", "Notwehr" u. a.), die sich mit nichts anderem befassen als dem Thema Heimat – eine vorsichtige Annäherung an diesen so verhunzten Begriff, ein beklommener Versuch nach dem anderen, sich dem Wert "Heimat" wieder zu nähern, nachdem ihn tausendjährige Ideologen so mißbraucht hatten?

Wem das alles zu weit zurückliegt (und es scheint all den Reitz-Bejublern zu weit zurückzuliegen, denn alle schreiben sie, daß er nun der erste sei, welcher), der kann sich vielleicht wenigstens noch an Peter Stripps "Rote Erde" erinnern, vor nicht allzu langer Zeit von Klaus Emmerich furios inszeniert. Um was ging es da doch gleich? Ach ja, Heimat ... Aber das lief eben nicht vorher auf Fimfestspielen, sondern gleich da, wofür es inszeniert war: im Fernsehen. Und da gucken die Leute, die die Kulturseiten vollschreiben, ja nie so ganz gründlich hin.

Hätten sie es getan, wüßten sie, daß Edgar Reitz einer in einer langen Reihe von Arbeitern an einem großen Thema ist, und bei weitem nicht der beste. Sein Co-Autor, den er in seinen vielen eifrig gegebenen Interviews so hartnäckig verschweigt, sein Co-Autor Peter Steinbach zum Beispiel hat in beeindruckenden Filmen und Hörspielen das Thema Heimat behandelt – "Stunde Null" – schon vergessen? Das hat auch Reitz gedreht, aber da hat er noch nicht so viel Lärm darum gemacht.

Aber vielleicht ist es gar nicht er. Er hat ja einfach nur eine mittelmäßig spannende Fernsehserie gedreht, die jetzt zur Fernsehgeschichte hochstilisiert wird. Dabei geht es gar nicht darum, über wen am meisten geschrieben wird. Es geht darum, wie manipulierbar, blindgläubig oder unkritisch eigentlich unsere Kulturpresse inzwischen geworden ist. Sitzt da irgendwo so ’n Kulturflick rum und verteilt Ermunterungsgelder "wg. Reitz"?

Elke Heidenreich