Von Stanley Hoffmann

Das Beste, was sich über die ersten vier Jahre von Ronald Reagans Außenpolitik sagen läßt, ist dies: daß alles viel schlimmer hätte werden können. Es wäre auch schlimmer geworden, hätte die Administration ihre ideologischen Prämissen und Rezepte konsequent befolgt. Zum Glück gab es immer wieder zwei Bremsfaktoren. Der eine: Wenn sich herausstellte, daß die Wirklichkeit in keiner Beziehung mehr zu den ideologischen Phantastereien stand, mußten die letzteren preisgegeben werden. Der andere Bremsfaktor lag in dem Übergewicht der innenpolitischen Probleme, einschließlich natürlich der Wiederwahl des Präsidenten. Es war sein innenpolitisches und sozialpolitisches Programm, das die Aufmerksamkeit des Präsidenten in Beschlag nahm, nicht seine Außenpolitik.

Die amerikanische Öffentlichkeit blieb gegenüber allen militärischen Verwicklungen jenseits der Grenzen voller Argwohn, es sei denn, daß sie – wie in Grenada – kurz und leicht erschienen. Aus diesem Grunde gab es in Mittelamerika vor allem verdeckte Intervention und Militärhilfe, nicht aber eine direktes Eingreifen amerikanischer Streitkräfte; und dies, obwohl der Präsident immer behauptete, daß die Region von lebenswichtiger Bedeutung für die Vereinigten Staaten sei. Aus demselben Grunde wurden auch die amerikanischen Truppen aus dem Libanon zurückgezogen, sobald die Dinge zu schwierig wurden – sowohl in dem bürgerkriegsgeschüttelten Land als auch in der amerikanischen Innenpolitik.

Nach vier Jahren kann die Regierung Reagan nicht einen einzigen außenpolitischen Triumph für sich reklamieren, nicht einmal einen begrenzten, der mit Carters Camp-David-Abkommen oder den Panama-Verträgen vergleichbar wäre. Aber der Öffentlichkeit kommt es vor allem darauf an, daß es auch keine große Katastrophe gegeben hat, weder eine Demütigung der Nation (die Ermordung schlecht geschützter Marine-Infanteristen oder Beamter durch unbekannte Terroristen wird wie ein Akt Gottes hingenommen, ganz anders als die Geiselnahme durch einen amtlich unterstützten Mob) noch einen lang hingezogenen Krieg ohne klaren Ausgang. Dies gestattet es dem Präsidenten, sich damit zu brüsten, daß er von Anfang an recht hatte: Wir haben Frieden wegen seiner eigenen entschlossenen Führungskraft und weil die Vereinigten Staaten "stehen".

Betrachtet man jedoch, wie Reagans Politik auf befreundete und neutrale Länder gewirkt hat, so ist der Eindruck ein ganz anderer.

In Lateinamerika hat die Contadora-Gruppe beharrlich einen regionalen Ausgleich verfolgt, über den Washington offenkundig unglücklich ist. Im südlichen Afrika ist weder eine Lösung des Namibia-Problems noch der Abzug der Kubaner aus Angola erreicht worden. In Westeuropa ist das Scheitern der westdeutschen und britischen Friedensbewegung mehr der Stetigkeit der Regierungen in Bonn und London zuzuschreiben als der Washingtons. Im Mittleren Osten haben die vielfältigen Verrenkungen und Fiaskos der amerikanischen Diplomatie in Ägypten und Saudi-Arabien Enttäuschung ausgelöst, im Libanon Verwirrung unter denen, die wir unterstützen, und Verachtung sowohl in Israel als auch in Jordanien.

Und was ist von der Behauptung zu halten, daß die Vereinigten Staaten neben der Sowjetunion eindrucksvoll dastehen? Es ist wahr, daß die Sowjets frustriert und in die Defensive gedrängt zu sein scheinen. Doch was hat dies wirklich mit Reagans Willen oder mit seinem politischen Geschick zu tun? In vier Jahren hat er es mit drei todkranken sowjetischen Führern zu tun gehabt. Einige der Niederlagen hat Moskau ausschließlich sich selber zuzuschreiben. Gromykos grobschlächtiger Umgang mit der westdeutschen Öffentlichkeit in der Nachrüstungskrise und das Versacken der Sowjets im Sumpf von Afghanistan bieten dafür die besten Beispiele. Sowjetische Zurückhaltung in Mittelamerika ist nichts Neues – die einzige Ausnahme, und eine sehr kostspielige, war Chruschtschows Kuba-Abenteuer im Jahre 1962. Und beide Supermächte haben entdeckt, daß ihre jeweiligen europäischen Verbündeten nur sehr ungern die Früchte der Entspannung aufgeben. Im Nahen und Mittleren Osten sind sie von ihren eigenen Klienten benutzt und ausgenutzt worden.