Natias Neutert, Regisseur, Mime, Musiker und Zauberer in einer Person, als "Ein-Mensch-Theater" bekannt geworden, hat den Zirkus "Roncalli" vor drei Jahren in der ZEIT sehr gelobt. Jetzt hat er Einwände, aber auch ein paar – utopische? – Vorschläge zu machen.

Wie Grock zum "König der Clowns" geworden ist, Harry Houdini zum Inbegriff des Entfesselungskünstlers, so wird der "Zirkus Roncalli" zum Synonym für die Erneuerung der Zirkuskunst werden: Meine Vorhersage von 1981 ist längst eingetroffen. Kein Wunder, denn was die Zirkusse^ zwischen leidiger Sensationsmache oder elendiger Betteltour, uns zuletzt geboten haben, war von Mal zu Mal schaler geworden und manchmal das Kartonpapier nicht wert, auf das ihre Eintrittskarten gedruckt waren. Von Schaubudenzauber keine Spur, kein Fitzelchen von Magie der Manege.

Dabei hat doch jeder Mensch, irgendwo in seinem Gedächtnisgelände, eine Erinnerung daran, was das einmal für ihn war, als er die Welt noch unschuldig und neugierig aufnahm: "Zirkus!" Nie habe ich meinen ersten Zirkusbesuch vergessen, mit meinem Bruder und unserer Omi, wo ein Zauberer seinen weißen Handschuh blitzschnell in eine weiße Taube verwandelte. Weder die Hinweise meiner Familie damals, es sei "alles nur Ablenkung" gewesen, noch meine späteren eigenen Fachkenntnisse von Fadenzieher, Ärmeltrick und Schwarzer Servante waren imstande, das wundervolle erste Erscheinungsbild der Verzauberung jemals wieder zu verwischen. Ja, nicht einmal die Tatsache, daß ich das Kunststück mittlerweile selber vorführe, kann mein Erinnerungsvermögen zur Retusche veranlassen.

So bringt uns ausgerechnet die Phantasie, dieses nie ganz Kalkulierbare, in größere Reichweite zu uns selbst. Wir Künstler kennen ihre unbezähmbare, befreiende Kraft. Das Publikum, bei dem sie häufig nur noch kümmerlich vorhanden ist, kann sie wiederfinden, wenn unsere Künste ein magisches Fest sind, bei dem die Menschen nicht mehr dasselbe bleiben wie zuvor. Wie der Clown über seine Quadratlatschen, so stolpern wir-durch-ihnüber uns selber. Zirkussen von früher gelangen solche Veränderungswirkungen neben ihren aufwendigen Anstrengungen, die Vergnügungslust der Leute als ewige Vorlust zu befriedigen, mit gekonnten komödiantischen Beiläufigkeiten.

Also ist "Roncalli", als seine erste "Reise zum Regenbogen" bevorstand, weit in die experimentierfreudige Ära zurückgegangen – schnurgerade wie auf einem Strich. Im Begeisterungstaumel scheint ihm dann aber die Vergangenheit zum ausschließlichen Ausrüstungsarsenal geworden zu sein. Aus ihrem zirzensischen Fundus hat er sich Nummern geholt, Requisiten, Dekors, Uniformen, Tressen, Quasten, Fransen – all das Zeug –, und Stuck, sogar Blattgold. Mir wäre das für einen Neuanfang zu viel des Hergebrachten, das röche ja schon nach Museum.

Wer sich der Geschichte nähert, als sei sie Geschichtetes, das sich vor uns auftürmt, muß "Aufhebung" praktizieren im doppelten Sinn des Wortes. Als "Roncalli" sich für das luftdurchlässige Baumwollzelt entschieden hat statt für das in Mode gekommene stickige Plastikzelt, hat er eine nützliche Erfahrung einstiger Zirkusse "aufgehoben", also bewahrt. Dafür hätte er das ungeschriebene, aber unerbittliche Gesetz, das zu "jedem guten Zirkus" eine Raubtiernummer gehöre, unbedingt "aufheben", also außer Kraft setzen müssen. Nichts gegen René Strickler, der sanft wie selten ein Dompteur mit den Raubtieren umgeht. Aber sind seine Tiger und Löwen überhaupt noch Tiere oder nur ihre bemitleidenswerten Schatten – zoologische Zombies? Für ihre unbändige Bewegungslust kann doch das eiserne Gitterrund nur ein Kanarienvogelkäfig, ihr Wohnwagen bloß eine Holzschachtel auf Rädern sein.

Hat aber nicht Pic mit seinem Seifenblasenkunststück, dieser erfinderischen Verschmelzung von Kinderspiel, Theater- und Zirkuskunst, aufs schönste bewiesen, daß der Rückgriff in die Geschichte auch ein Vorgriff sein kann?