Ein Löwenhund speit Feuer im Weltall. Ein Fräulein steht auf den Zacken eines Gebirgsmassivs. In den Nischen eines palastartigen Gebäudes drängen sich zahllose Figürchen. König Carl XII. von Schweden stürmt mit wehenden Rockschößen und gezücktem Schwert über das Schlachtfeld. Eine dürre Tanne ragt schief in den Himmel.

Lauter Märchen? Lauter Märchen mit zerbrochenem Hintergrund, erfunden von den schwedischen Malern Carl Frederik Hill und Ernst Josephson, die sich mit diesen Phantasmagorien in eine Welt flüchteten, in der sie als Zauberer ungehindert verfügen und sich wie Könige frei bewegen konnten. Im täglichen Leben waren sie eingesperrt: Hill 1879 in einer Irrenanstalt in Frankreich, dann in Lund, ab 1883 im Haus seiner Mutter und Schwester, wo er 1911 starb. Josephson 1888 in einem Hospital in Uppsala, ab 1891 in einem Privathaus, wo er 1906 starb.

Hill und Josephson, von Uwe M. Schneede in der Doppelausstellung mit dem Titel "Vor der Zeit" zum erstenmal zusammen vorgestellt (Josephson wurde bereits 1979 in einer Ausstellung in Bonn und Bochum gezeigt) gehören beide nicht zu dem seit Prinzhorn intensiv erforschten und inzwischen intensiv überstrapazierten Thema der "Kunst der Geisteskranken". Sie waren nicht geistig Gestörte, die ihre Obsessionen zeichnend und malend zu Papier brachten – ein Vorgang, der von Ärzten oft aus therapeutischen Gründen stimuliert, dessen Ergebnisse dann von der Umwelt und Nachwelt als Kunstwerke begrüßt werden. Mit dieser Verwechslung von Kunst und (im pathologischen Sinne) Obsession haben Hill und Josephson nichts zu tun. Beide waren Künstler, die eine professionelle Ausbildung hinter sich hatten, hier und da kleine Erfolge vorweisen konnten, in Paris auch, wie das in ihrer Zeit üblich war, die Konkurrenz und die Weiterbildung suchten. Josephson hatte sich sogar in frühen Jahren mit Leidenschaft einer Art von Sezessionsgruppe angeschlossen, die gegen die Praktiken des Akademiewesens opponierte. Aber als Hill und Josephson dann nicht nur am Kunstleben teilnehmen, sondern auch akzeptiert werden wollten, da zerbrachen sie an den Verletzungen, die sie sich im Umgang mit einer Welt, in der sie letztlich nicht reüssieren konnten, zugezogen hatten. Sie nahmen aus dem Druck und der Zurückweisung den Wahnsinn als Fluchtweg in eine andere Welt und überwanden so die "Kluft zwischen Realität und Sehnsucht" (Schneede). Die Parallelen zu Strindberg und Nietzsche, Ensor, van Gogh und Munch, die als Zeitgenossen des späten 19. Jahrhunderts ähnliche Krisen durchlebten, liegen auf der Hand.

Josephson, dessen Bilder aus der Zeit vor der Feststellung der Schizophrenie einen an Corot orientierten Landschaftsmaler und sensiblen Porträtisten zeigen, flüchtet sich in die Welt der Märchen, Mythen und Majestäten. Da erscheint ihm dann der Imperator als junger Traumprinz, Gustav Wasa als bäurisch exzentrischer Anführer seiner Mannen, die Königin von Golconda als töricht lächelnde Matrone, deren Leiblichkeit in punktierten Flächen modelliert ist. Im Unterschied zur Punktierung, die ein Air von Skurrilität und Karikatur mit sich bringt, haben die klaren, fließenden Umrißlinien, mit denen Josephson seine Helden und Halbgötter umfängt, einen kräftigen, oft sogar monumentalen Gestus. Die Art, in der hier das Heroische neben dem Naiven oder auch Komischen liegt, läßt gelegentlich an die Zeichnungen von Josephsons Landsmann Johan Tobias Sergel denken. Emil Nolde nannte die Zeichnungen von Josephson (dem er sich durch die nordeuropäische Herkunft besonders verbunden fühlte) "ganz merkwürdig schön und rein"; aber auch Picasso, Kokoschka und Tristan Tsara bewunderten Josephson (und heute haben Künstler wie Günter Brus und Georg Baselitz sein Werk für sich wiederentdeckt).

Anders als bei Josephson verzweigt sich bei Hill der Fluchtweg in eine andere Welt in höchst verschieden instrumentierte Träume. Abgeschlossen von der Außenwelt waren die illustrierten Magazine seiner Mutter und die mit Enzyklopädien und Kunstbänden bestückte Bibliothek seines Vaters die einzigen Gegenstände seiner Stimulation, die großen Papierbögen des Vaters, der als Mathematikprofessor Seite um Seite mit Zahlenkolonnen füllte, oft sein einziges (meist schon vorausbenutztes) Material. Zwei Bögen am Vormittag, zwei Bögen am Nachmittag: Das war die Ration, die seine Schwester (die dann die Produkte unter Verschluß nahm) ihm zuteilte und die er einerseits mit großen, minuziösen Phantasiearchitekturen füllte, auf denen er andererseits mit farbiger oder schwarzer Kreide Endzeit-Landschaften, exotische Szenerien und von irgendwoher gefallene Wesen imaginierte. Im Unterschied zu Josephson, der seinen Blättern zierliche Signaturen und phantastische Titel applizierte, fallen Hills Zeichnungen in die titellose Leere der Anonymität.

"Vor der Zeit": mit ihrer Flucht in die Isolierung ihrer Krankheit, durch die sie sich der Welt, die sie ausgeschlossen hatte, endgültig entzogen, arbeiteten Hill und Josephson in einem Freiraum der Formen und Bildfindungen, den eine spätere Generation dann für sich entdecken konnte, ohne diesen Durchbruch mit dem Stigma der Krankheit zu bezahlen. Als konventionelle Künstler wurden Hill und Josephson mit den Konventionen ihrer Zeit zerstört und dadurch zu Künstlern, die ihrer Zeit weit voraus waren. Auch und gerade heute, wo das unverbindliche Zitieren expressiver Gesten und archaischer Formen so hoch in Blüte steht, macht die mit einem schrecklichen Preis bezahlte Unschuld und Intensität, die in diesen Arbeiten sichtbar wird, betroffen (Kunstverein bis zum 25. 11., Katalog 32,– DM). Petra Kipphoff