Als die Mücke zum ersten Male den Löwen brüllen hörte, da sprach sie zur Henne: "Der summt aber komisch."

"Summen ist gut", fand die Henne.

"Sondern?" fragte die Mücke.

"Er gackert", antwortete die Henne. "Aber das tut er allerdings komisch."

"Der Löwe" – erschienen in dem Band "Der Blick vom Turm", Fabeln von Günther Anders, Verlag C. H. Beck München

Appell

Als vor neun Monaten Wolfgang Staudte in Zigarski (Jugoslawien) starb, war das ein Verlust für den europäischen Film. Nicht nur sein "Untertan" nach Heinrich Manns gleichnamigem Roman ist ein Klassiker geworden; sein Lebensweg, ob während der Nazi-Jahre, als hochgeehrter DEFA-Regisseur oder schuldenbeladener Filmemacher im westdeutschen Fernsehen, ist ein Teil deutschen Schicksals. Das seiner Witwe offenbar auch: Unbeachtet und ohne jegliche Unterstützung lebt sie in Berlin mit einem ererbten Schuldenberg gänzlich mittellos, ohne Geld für die Miete und mit abgestelltem Telephon. Die kranke Angelika Staudte, früher Disponentin beim Südwestfunk, findet bis zur Stunde nirgendwo Arbeit und hat nie, weder vom Berliner Senat noch von der Bundesregierung, auch nur eine Zeile, geschweige denn ein Telegramm anläßlich des Todes von Wolfgang Staudte erhalten. In einem Moment, in dem man noch gut die Bilder von der Beerdigung François Truffauts in Paris im Gedächtnis hat: die Fahnen Frankreichs auf halbmast, der Kultusminister am Grabe sprechend und die Größen der internationalen Filmwelt bei der Trauerfeier, ist das eine doppelt bittere Erinnerung. Zu appellieren ist an den Berliner Kultursenator, an einen den Künsten und Künstlern gewogenen Mann, hier Hilfe zu leisten – sei es mit einem Ehrensold, sei es mit irgendeiner anderen Geste; aber bitte nicht mit einer leeren.