Die Diskussion um das „Tempolimit“, ein Dauerthema mit wechselnden Vorzeichen, hält unter dem Aspekt des Umweltschutzes und des Waldsterbens diesmal länger an als bei den Debatten während der Ölkrisen. Letztgültig bewiesen ist eine positive Auswirkung des Tempolimits auf die Waldschäden nicht, ebenso unbewiesen ist die Behauptung der Automobilindustrie, ein Tempolimit auf den Autobahnen werde indirekt die Spitzentechnologie im Autobau und damit die Leistungsfähigkeit dieser bedeutenden Exportwirtschaft vermindern.

In der Tempolimit-Diskussion, die von beiden Interessenseiten vorwiegend mit emotionalen Argumenten geführt wird, sind Fakten rar. Mit Schätzungen wird selbst die Frage beantwortet, wie viele Kilometer Strecke überhaupt in der Bundesrepublik ohne Geschwindigkeitsbegrenzung gefahren werden können. Um diese Frage einigermaßen beantworten zu können, haben der ADAC und die ZEIT das Autobahnnetz (nur hier ist freie Fahrt erlaubt) in einer „Momentaufnahme“ auf Tempo-Einschränkungen hin untersucht.

Die erste Bestandsaufnahme dieser Art fand überwiegend während einer Septemberwoche statt, einige wenige Strecken wurden im Oktober untersucht. Rund 300 Straßenwachtfahrer notierten dabei während ihres Einsatzes alle Beschränkungen und meldeten sie an die Zentrale des Clubs in München, wo sie von einem Team unter Leitung des Diplom-Ingenieurs Eckart Dyckerhoff ausgewertet wurden.

Untersucht wurden vom gegenwärtigen Autobahnnetz, das 8080 Kilometer lang ist, gut 90 Prozent, darunter alle Hauptverbindungen. Nicht überprüft wurden lediglich einige kurze Querverbindungen oder außergewöhnlich verkehrsarme Stichstrecken. Diese 8080 Kilometer sind Bestandteil eines Gesamtstraßennetzes von rund 488 000 Kilometer Länge; da es sich hierbei größtenteils um Straßen innerhalb von Städten und Ortschaften handelt, wo selbst ohne das Limit von 50 Stundenkilometern keine freie Fahrt möglich wäre, ist die auch von Bundesverkehrsminister Werner Dollinger gern zitierte Relation irreführend. Sinnvoller ist eine Relation zu den „Straßen im überörtlichen Verkehr“, vornehmlich Bundes- und Landstraßen. Ihre Gesamtlänge beträgt 172 973 Kilometer, die hier eingeschlossenen 8080 Kilometer machen einen Anteil von 4,67 Prozent aus.

Von diesen knapp fünf Prozent aller Überlandstraßen waren zum Zeitpunkt der Untersuchung (und bezogen auf die abgefahrenen Strecken) über 15 Prozent mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung versehen, sei es mit einem ständigen Tempolimit, sei es mit temporärer Einschränkung wegen Baustellen. In Zahlen: Von den 8080 Kilometern Autobahn mit theoretisch freier Fahrt waren rund 1180 Kilometer geschwindigkeitsbegrenzt. Resultat der Stichprobe: Auf knapp vier Prozent aller Überlandstraßen ist freie Fahrt erlaubt.

Bei der Studie wurde die Autobahn in beiden Fahrtrichtungen ausgewertet, deshalb verdoppelt sich die geprüfte Streckenlänge auf 14 795 von insgesamt 16 160 Kilometer. Davon sind 1310 Kilometer (8,9 Prozent des Netzes) ständig geschwindigkeitsbegrenzt, 203 Kilometer (1,4 Prozent) sind „bei Nässe“ begrenzt und 848 Kilometer (5,3 Prozent) sind in Baustellen begrenzt. Das macht eine Summe von 2362 Kilometer oder 15,5 Prozent aller Autobahnen in beiden Fahrtrichtungen.

Die längsten Geschwindigkeitsbegrenzungen fanden sich auf der A 61 bei Bingen (39,5 Kilometer) sowie zwischen Deggendorf und Landshut (31,2 Kilometer). Beide sind in dieser Länge einsame Spitzenreiter, ansonsten finden sich längere temporeduzierte Abschnitte nur in Stadtgebieten, meist aus Gründen des Lärmschutzes. Die weit überwiegende Zahl aller eingeschränkten Autobahnabschnitte ist kürzer als zehn, meist sogar kürzer als fünf Kilometer (das gilt auch für Baustellen). Insgesamt zählte der ADAC 521 Tempolimits auf 14 975 Kilometer Autobahnen (beide Richtungen). Das bedeutet: Die vermeintlich freie Fahrt wird alle paar Kilometer abgebremst. Dieser Tatbestand – und die Vernunft vieler Fahrer – dürfte dazu beigetragen haben, daß die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Autobahnen bei 112 Stundenkilometern: liegt. Klaus Viedebantt