Von Wilfried Kratz

Margaret Thatcher trägt in ihrer Handtasche seit geraumer Zeit – und nicht erst seit dem IRA-Bombenanschlag auf ihr Leben in Brighton – eine Waffe zur Selbstverteidigung. Sie zeigt sie den Getreuen auf Parteikongressen und sie zückt sie während des verbalen Schlagabtausches mit der Opposition im Unterhaus. Das Instrument, für das sie keinen Waffenschein benötigt, ist vierzig Jahre alt. Es ist das Beschäftigungs-Weißbuch von 1944, in das die Gedanken von Keynes und Beveridge eingegangen sind. Und zum Zeichen dafür, wie ernst sie "dieses berühmte Weißbuch" von Anfang an genommen habe, vergißt Frau Thatcher nicht den Hinweis, daß das abgegriffene Exemplar ihren Mädchennamen Margaret H. Roberts trägt. Sie ruft damit Keynes zum Kronzeugen für ihre Politik an und benutzt es gegen ihre Kritiker.

Dieses Dokument aus der Zeit, als die Kriegswirtschaft keine müßige Hand duldete, hat lange Jahre als Garantie der in der Kriegskoalition vereinten großen Parteien für Vollbeschäftigung gegolten. Es war der Ausdruck eines Konsensus jenseits aller ideologischen Differenzen. Vollbeschäftigung konnte die Nation einfordern, auch wenn die Regierungen einander ablösten.

Schon die Labour-Regierungen Wilson und Callaghan mußten spüren, daß die traditionellen Rezepte nicht mehr wirkten, als sich die Zahl der Arbeitslosen in den fünf Jahren bis 1979 unter einem mächtigen Inflationsstoß und begleitet von einem Kollaps des Außenwertes der Währung auf 1,3 Millionen verdoppelte. Unter Margaret Thatcher brach die "Alte Ordnung" völlig zusammen. Großbritannien zählt nun mehr als 3,2 Millionen arbeitslose Unterstützungsempfänger (und eine halbe Million mehr, wenn man die mit staatlichen Sondermaßnahmen beschäftigten meist jungen Leute berücksichtigt).

Die Regierung spricht viel von den Sünden der Vergangenheit, den notwendigen strukturellen Änderungen, den unkontrollierbaren Einflüssen von außen, der ungünstigen demographischen Entwicklung. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß nach fünf Jahren Thatcher 1,3 Millionen Briten unter 25 Jahren ohne Arbeit sind oder zweieinhalbmal soviel wie bei Amtsantritt der konservativen Regierung. Fast ein Drittel aller Arbeitslosen ist ein Jahr oder länger ohne Job. In Notstandsgebieten des industriellen Noraens beträgt die Arbeitslosenquote das Doppelte des nationalen Durchschnitts von 13,4 Prozent.

Der Ausblick ist trüb. Das Institut des konservativen Liverpooler Professors Patrick Minford, der die "Zaghaftigkeit" der Thatcher-Politik kritisiert, steht praktisch allein mit der Voraussage fallender Arbeitslosigkeit. In diesem Punkt ist der Professor schon seit Jahren zu optimistisch gewesen. Die meisten Prognosen rechnen noch mit steigender Arbeitslosigkeit. Die Regierung selbst weigert sich, an dem Spiel teilzunehmen, dies um so mehr, als sich Finanzminister Nigel Lawson neulich dabei die Finger verbrannte. "Thatchernomics", kommentierte der Guardian, "hat einen der erschöpfendsten Probeläufe in der realen Welt hinter sich, der jemals einer solch unkonventionellen Politik gegeben wurde. Und sie funktioniert immer noch nicht". Die hartnäckig hohe und steigende Arbeitslosigkeit verstärkt den Druck auf die Regierung, die alten keynesianischen Rezepte anzuwenden. Sie nährt die Zweifel an der Richtigkeit und Wirksamkeit des Konzepts der Regierung, der immer häufiger unterstellt wird, sie habe bewußt mit dem Konsensus der Vollbeschäftigung gebrochen und betreibe eine Politik der Unterbeschäftigung, um die Macht der Gewerkschaften zu brechen. Diese Vorwürfe kommen nicht nur von der politischen Opposition oder den Ökonomen der alten Schule. Kirchenmänner melden sich lebhaft zu Wort, beklagen die wachsende Kluft zwischen Süd und Nord und warnen vor einer Gefahr für den sozialen Zusammenhalt des Landes.

Solchermaßen bedrängt, holt Frau Thatcher gern das berühmte Weißbuch hervor und zitiert daraus zu ihren Gunsten: "Beschäftigung kann nicht durch ein Gesetz des Parlaments oder durch Aktionen der Regierung allein geschaffen werden. Der Erfolg (der auf Vollbeschäftigung gerichteten Politik) wird letztlich von dem Verständnis und der Unterstützung der Gemeinschaft als Ganzes abhängen, vor allem von den Anstrengungen der Arbeitgeber und Arbeiter." Nicht sie habe also mit den Prinzipien des Weißbuchs gebrochen. Sie sei niemals davon abgewichen. Wenn sie heute ein solches Dokument herausbrächte, "dann würden manche sagen, das ist Thatcherismus, aber es ist der gute alte Keynes".