Von Günther Roth

Sie tragen Reinhold Messner auf den Berg, schießen für Manni Kaltz den Ball, wirbeln Rudolf Nurejew übers Parkett, lassen Harald Juhnke wanken und führen dich mal zum Kaufmann oder um den Häuserblock – unsere Füße. Etwa 150 Millionen Schritte machen sie ein neuzeitliches Leben lang. Laufen 100 000 Kilometer weit – soviel wie zweieinhalbmal um den Erdball. Länger ist der Lebensweg für Kellner und Hausfrauen, für Bürohocker und Kraftfahrer ist er kürzer.

In welchen Etappen wir den Globus umrunden, hat jetzt das Bundesministerium für Verkehr herausgefunden. Im Auftrag der Bonner Behörde wurden 21 000 Haushalte über die Nutzung von Verkehrsmitteln gefragt. Ergebnis für das "Verkehrsmittel Füße": Fast 90 Prozent unserer Wege per pedes sind nicht länger als zwei und nur 0,1 Prozent sind weiter als fünf Kilometer. Die meisten Gänge erledigen wir morgens zwischen neun und elf Uhr. Die Zwanzig- bis Dreißigjährigen sind deutlich weniger auf Schusters Rappen unterwegs als Jüngere oder Ältere. Wir gehen im Winter häufiger zu Fuß als im Sommer. Volksschulabgänger sind öfter Fußvolk als Leute mit mittlerer Reife oder Abitur. Wir alle – so die Untersuchung – erledigen zu Fuß nur 27 Prozent unserer Wege. Den Rest mit dem Fahrrad, dem Auto oder dem Zug.

Nur 27 Prozent! Sind doch Wege zu Fuß zu langsam für den Gehetzten unserer Tage – keinesfalls schneller als 36,25 Kilometer pro Stunde. Dieses Weltrekordtempo raste am 3. Juli 1983 der amerikanische Sprinter Calvin Smith, als er die 100 Meter in 9,93 Sekunden schaffte. Selbst in Eile ist der Spaziergänger deutlich langsamer. Das durchschnittliche Schrittempo der Menschen einer Stadt hängt von der Einwohnerzahl des Ortes ab – das hat der deutsche Psychologe H. Bornstein nachgewiesen. Versteckt hinter Fensterscheiben hat er in 15 Städten unterschiedlicher Größe die Geschwindigkeiten von Fußgängern gemessen. Ergebnis: Je mehr Bewohner ein Ort hat, desto schneller gehen sie. Während der Mensch durch die Gassen kleiner Dörfer mit durchschnittlich drei Kilometern in der Stunde schlendert, hetzt er durch die Millionenstädte mit beinah sieben Kilometern je Stunde. Wir beschleunigen unsere Schritte, so die Interpretation des Psychologen, wenn die Welt um uns mit Reizen überladen ist. Schnellgehen ist Flucht in innere Ruhe. Wer mit Tempo drei bis sieben die Welt erlebt, hat mehr Kontakte als andere. Menschen, die dort wohnen, wo viele Fußgänger passieren – so eine amerikanische Studie –, haben mehr Freunde und Bekannte als solche, an deren Haustüren nur wenige Leute zu Fuß vorbeikommen.

Und wer das umweltfreundlichste Tempo wählt, zeigt Charakter. Denn der Gang ist für jeden einzelnen Menschen so einmalig wie sein Fingerabdruck. Irgendwo zwischen Gary Cooper, der in "Zwölf Uhr mittags" all seinen Mut in seine O-Beine packt und den Banditen durch die staubige Dorfstraße entgegenschreitet, Charlie Chaplin, der mit durchgedrückten Knien und nach außen verdrehten Füßen in jeden Gag hineinwatschelt, Marilyn Monroe, die mit einem Fuß vor dem anderen ihren Po in Szene setzt und durch die Horde ihrer Fans stakst – irgendwo dazwischen findet jeder einen Weg, etwas von seiner Persönlichkeit mitzuteilen.

Stolzieren oder Hinken, Trippeln oder Schlendern, Trotten oder Flanieren – die Kunst des Gehens konnte von der Wissenschaft bis heute nicht entzaubert werden. Ingenieure haben das Gleiten des Löwenzahnsamens kopiert und den Fallschirm erfunden, sie haben das Rückstoßprinzip des Tintenfisches nachgeahmt und das Düsentriebwerk gebaut, sie haben den Flug der Vögel beobachtet und das Segelflugzeug konstruiert. Zwar haben Wissenschaftler mit modernster Elektronik Muskel- und Gelenkkräfte, Nerven- und Stoffwechselvorgänge an den zweimal sechsundzwanzig kleinen Knochen und über einhundert Sehnenbändern unserer Füße gemessen, aber Maschinen, die richtig laufen können, gibt es bis heute noch nicht.

Zweibeinig läuft bisher allein der Roboter des Japaners Ichiro Kato. Der Wissenschaftler konnte seinem "Walkman" aber keinerlei flüssige Bewegungen beibringen. Anstatt die Füße von den Hacken bis zu den Zehen "abzurollen", tapsen die metallenen Platt(en)-Füße starr und ungelenk nur über ebenen Untergrund. Vor allem mit einem Steueiprogramm, das in schwierigem Gelände automatisch günstige Trittstellen für die Füße findet, hatte bislang der Wissenschaftler keinen Erfolg. Worüber er sich den Kopf zerbricht, das vermag die Natur spielend: Würde der Tausendfüßler über seine Bewegungen nachdenken, käme er gewiß ins Stolpern.