Von Armgard Seegers

Bei meinen Filmen interessieren mich weder Dichtung noch Wahrheit, sondern die Wirklichkeit." Eberhard Fechner, Jahrgang 1926, gelernter Schauspieler mit dem Beruf Filmemacher, hat für das deutsche Fernsehen seit 1966 Filme gedreht, die er "keine Dokumentarfilme, sondern höchst artifizielle Produkte" nennt, und die sich alle mit der Darstellung der Geschichte dieses Jahrhunderts aus der Sicht der Betroffenen, der "normalen Leute" beschäftigen.

Fechners Filme über eine Selbstmörderin, "Nachruf auf Klara Heydebreck" (1969), über das spätere Leben der Schüler einer Abiturklasse von 1937, "Klassenphoto" (1970), über Bewohner eines Frankfurter Bürgerhauses, "Unter Denkmalschutz" (1975), über einen gedungenen Mörder und seinen Auftraggeber, "Aus nichtigem Anlaß" (1976), über eine berühmte Gesangsgruppe der dreißiger Jahre, "Comedian Harmonists" (1977), über die adeligen Bewohnerinnen eines Damenstifts, "Damenstift" (1984), seine Verfilmungen der Romane Walter Kempowskis und, während der letzten acht Jahre, die Arbeit an der filmischen Darstellung des Maidanek-Prozesses "Der Prozeß" (1984), kreisen alle um sein zentrales Thema: alltägliche, beiläufige Geschichten, von durchschnittlichen Menschen zu zeigen, um an ihren privaten Schicksalen das Allgemeingültige über unser Jahrhundert hervorzuheben. Ihn interessiert, "wie Menschen subjektiv Geschichte empfunden haben, nicht wie Geschichte war". Er sucht nach unspektakulären Privatschicksalen, nach Stoffen, die weder "in der subjektiven Problematik eines einzelnen noch in der abstrakten Problematik der Zeit steckenbleiben".

Fechner ist ein ernster Mensch. Bei ihm wäre die Bezeichnung "Stimmungskanone" völlig fehl am Platze, es sei denn, er läßt sein pralles Lachen los. Etwas, was so unzweifelhaft nach Stammtisch klingt, daß es die trockene Nüchternheit, die ihn sonst wie ein Schutzwall umgibt, für Sekunden wegdröhnt. Er muß ein sehr fleißiger Arbeiter sein. Allein an seinem "Prozeß"-Film hat er acht Jahre gearbeitet. "Seit dreißig Jahren gibt es das Fernsehen, acht Jahre davon habe ich mit dem ‚Prozeß‘ zugebracht." Nach fünf Jahren Drehzeit, nachdem er über 70 Personen interviewt hat, waren 150 000 Meter Film entstanden, deren abgeschriebener Text 8000 Seiten ergaben. Allein der Gedanke daran, diesen Wüst von Material zu ordnen und montieren zu müssen, würde wohl manch einem zu einem kafkaesken Erlebnis verhelfen. Fechner brauchte für die Montage des dreiteiligen Films drei Jahre.

Eine Schauspielerin erinnert sich, wie er bei Dutzenden von Mitwirkenden nicht nur die Namen, sondern auch ihre Rollennamen kannte; er konnte Hunderte von Komparsen persönlich ansprechen, und vier Monate nach den Szenenproben, als gedreht wurde, wußte er noch genau, wie ein Satz probiert worden war, und so wollte er ihn dann auch wieder hören.

"Durch umfassende Recherchen, systematisches Sammeln von Fakten und individuellen Aussagen, möchte ich Sachverhalte und Verhaltensweisen von Menschen so gewissenhaft wie möglich beschreiben", erklärt Fechner. Nach seiner Ansicht ist es kaum möglich, Dinge dokumentarisch festzuhalten. "Jede Sache hat doch vier Seiten, nicht nur eine. Schon dadurch, daß ich mich entscheide, die Kamera in eine Richtung zu halten, treffe ich eine bestimmte Auswahl. Ich versuche, diese vier Seiten dadurch darzustellen, daß ich die Aussagen von Menschen, die ich zu gleichen Dingen befragt habe, so aneinandersetze, daß ein mehrschichtiges Bild entsteht."

Fechner setzt keine Kommentare auf seine Bilder. Er haßt es zu belehren und will nicht so tun, als wisse er alles besser. So kühl und sachlich wie er selbst ist, so wirken auch seine Filme. "Das Schicksal jedes einzelnen Menschen ist so außergewöhnlich, daß ich keine künstlichen Zutaten brauche, um Spannung zu erzeugen."