Blumen am Arbeitsplatz

Frauen werden in Industrie und Verwaltung als billige Arbeitskräfte mißbraucht

Von Helmut Becker

Das Management von Japans führender Buchhandlungskette, der Kinokuniya Shoten, nahm es nicht nur mit seinem Sortiment sehr genau, sondern auch mit dem Personal: "Häßliche Frauen sind um jeden Preis zu vermeiden; kurzsichtige Frauen und Brillenträgerinnen ebenfalls", heißt es in einem Zirkular der Firma aus dem Jahre 1975. Nicht nur Schönheit entschied über die Gunst der Kinokuniya-Personalabteilung. Auch "geschiedene Frauen oder alleinlebende Frauen" hatten bei dem Großbuchhändler keine Chance. Außerdem waren "Zugehörigkeit zu politischen oder religiösen Gruppen" ebenso ein Einstellungshindernis wie die "Vorliebe für leidenschaftliche Künstler wie Vincent van Gogh". "Selbst die Töchter von Professoren, Lehrern und Schriftstellern, immerhin unsere besten Kunden, wurden mit Ablehnung und Vorurteil bedacht", empörte sich Yutaka Matsumoto, Chef der Kinokuniya-Betriebsgewerkschaft, als die Einstellungsrichtlinien im letzten Jahr an die Öffentlichkeit durchsickerten.

Der Skandal wurde schnellstens auf landeseigene Art beigelegt: Die Firmenleitung zeigte Reue und versprach ein Ende der Diskriminierungen. Nippons Öffentlichkeit war mit dem Kotau zufrieden. Ein Boykott wurde abgesetzt.

Der Boykott hätte ohnehin nur einen von vielen getroffen. "Diese Art von Einstellungen wie bei Kinokuniya ist weitverbreitet", schreibt die Nachrichtenagentur Kyodo. Und sie hat Methode. Ohne die Frau als billige Arbeitskraft könnte Japan auf dem Weltmarkt kaum so erfolgreich gegen die amerikanischen und europäischen Wettbewerber antreten, für Kyodo ist Frauenarbeit gar "die Geheimwaffe der japanischen Wirtschaft".

Tatsächlich bevölkern Millionen von adrett uniformierten jungen Damen Büros, Warenhäuser oder Fabrikhallen des Inselreiches. Dort sind sie als "Blumen am Arbeitsplatz" sehr gefragt, wie die angesehene Tageszeitung Asahi schreibt. Sie leisten Büroarbeit und stehen an vorderster Front beim ersten Kontakt mit dem Publikum. Wer Kaufhäuser oder Konzernzentralen, Reisebüros oder Restaurants betritt, trifft überall zuerst auf weiblichen Charme: Am Eingang, am Empfang, an Rolltreppen, vor und im Lift und hinter dem Tresen verbeugen sich meist paarweise oft ausgesucht hübsche Japanerinnen mit Standardlächeln und Einheitsfloskeln. Auf die exakte Verbeugung vor dem Kunden wurden sie gedrillt, nicht selten eingeschnallt in eine eigens konstruierte Beugemaschine.

Hinter den Bürofassaden wird weibliche Devotion nicht weniger geschätzt. Dort stehen Frauen auf der untersten Stufe der Betriebshierarchie. Sie lächeln, schäkern und servieren immer wieder Tee. Wer sich für die Großraumbüros nicht eignet, ist am Fließband dennoch willkommen. In der Kamera-, Uhren-, Elektro- oder Schmuckwarenindustrie Nippons sind Jungarbeiterinnen in den Fabrikhallen meist in der Überzahl.

Blumen am Arbeitsplatz

Welkt aber die "Blume am Arbeitsplatz", wird die Butterfly für Japans Männerwelt sehr schnell abgeschoben. Das herkömmliche japanische Konzept sieht vor, "daß die Frau ins Haus gehört", meint Ginko Sato, eine der wenigen Frauen, die als Abteilungsleiterin für weibliche Arbeitskräfte im Tokioter Arbeitsministerium Karriere gemacht hat. Mit 25 Jahren wird es in Japan für ein Mädchen noch immer höchste Zeit, unter die Haube zu kommen. Die Firma zeigt sich bei der Vermittlung von Ehekandidaten sehr viel kulanter als bei der Weiterbeschäftigung: Wer sich nicht in die Hausfrauenrolle komplimentieren läßt, bleibt an seine untergeordnete Stelle gefesselt, während männliche Kollegen die Karriereleiter erklimmen. "Japans Arbeitswelt scheint nur junge Frauen beim Teeservieren und ganz alte Frauen beim Saubermachen zu beschäftigen", berichtete die amerikanische Nachrichtenagentur AP sarkastisch. Eine Statistik scheint das zu wiederlegen. In seinem Ende Oktober veröffentlichten Weißbuch 1984 über weibliche Beschäftigte rechnet das Tokioter Arbeitsministerium voller Stolz vor, daß 14,5 Millionen Arbeitnehmer, das sind 35,3 Prozent aller Beschäftigten, leiblichen Geschlechts sind. Nur noch jede zweite Frau über 15 Jahre sei in Japan nicht in den Arbeitsprozeß integriert.

Doch diese Zahlen sind irreführend. Denn sie zeigen weder Integration noch gar Chancengleichheit der Frau in Nippons Arbeitswelt, sondern nur pure Verschwendung weiblichen Talents und schiere Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft. Auf dem Land dürfen im Straßenbau selbst betagte Großmütter bei Schwerstarbeit zupacken; Nippons Nährstand würde ohne selbständige Bäuerinnen kollabieren, weil deren Männer nur zur Erntezeit aus der Stadt heimkehren.

Die Frau, die in Wirtschaft, Verwaltung und Politik Karriere macht, ist in Japans extrem männerorientierter Welt dagegen eine große Rarität – bestaunt und beargwöhnt. Gegen Ambitionen weiblicher Intelligenz gibt es in der Industrie bereits früh Barrieren. Nur 450 von über 1700 börsennotierten japanischen Konzernen – praktisch alle Unternehmen von Rang – laden Jungakademikerinnen nach vier Jahren Studium überhaupt zu Einstellungsprüfungen ein. Der Wettbewerb der hochqualifizierten jungen Frauen um diese wenigen Stellen ist mörderisch. Erheblich bessere Examina als männliche Konkurrenten gelten als selbstverständlich, Attraktivität nicht nur bei Großbuchhändler Kinokuniya als Einstellungsvoraussetzung.

Kein Wunder, daß sich jährlich Tausende von stellensuchenden College- und Universitätsabsolventinnen vor den Interviews mit Personalchefs erst einmal zum Schönheitschirurgen begeben. Auch dann bleibt das Resultat niederschmetternd: Die 450 frauenfreundlicheren Unternehmen stellten 1984 von über 80 000 Bewerberinnen weniger als jede zehnte ein. Seit über zwanzig Jahren bleiben rund ein Drittel aller Jungakademikerinnen nach vier Jahren Hochschule lebenslang arbeitslos.

Selbst für die privilegierte Minderheit beginnt nach der Einstellung ein täglicher Kampf gegen Vorurteile, gegen offene und versteckte Diskriminierungen der paternalistisch geführten Organisationen. "Ich habe die Diskriminierung von Anfang an gespürt, als ich von meiner Arbeit von den männlichen Kollegen laufend zum Teekochen kommandiert wurde", erklärt die im öffentlichen Dienst beschäftigte 29jährige Mitsuko Furui, die in diesem Frühjahr mit siebzehn weiteren Leidensgenossinnen durch einen Hungerstreik vor dem Arbeitsministerium gegen die Zurücksetzung arbeitender Frauen demonstrierte.

Solche Auflehnung – eine seltene Ausnahme – schürt wieder das Mißtrauen gegenüber der Selbständigkeit besser ausgebildeter Frauen. "Offen gesagt, ich finde Universitätsabsolventinnen ziemlich starrsinnig", bekennt unverdrossen Kinokuniya-Manager Furuuchi. Und auch Nippons Arbeitgeberpräsident Bumpei Otsuki scheint aufmüpfige Sufragetten von Anfang an abblocken zu wollen: "Das gegenwärtige System der Führung weiblicher Mitarbeiter basiert auf gesellschaftlichen Grundüberzeugungen und spiegelt die Einstellung der Frauen zur Arbeit wider", doziert der greise Manager. In diesem System ist für die Frau in einer gehobenen oder gar führenden Rolle kein Platz.

Zu wenig Managerinnen

Blumen am Arbeitsplatz

Das größte japanische Unternehmen, das von einer Frau geleitet wird, heißt Akiyama Aiseikan und ist mit einem letztjährigen Umsatz von knapp 60 Millionen Mark ein Zwerg unter Nippons Pharmafirmen. Die Chefin Kujo Akiyama und Japans große Dame der Haute Couture, Hanae Mori, bestätigen als Ausnahme nur die Regel, daß Japan in Sachen Chancengleichheit und Emanzipation nicht fortschrittlicher ist als irgendein anderes asiatisches Entwicklungsland.

Auf nur 5,4 Prozent aller Managerposten in der japanischen Privatwirtschaft sitzen Frauen, in der Bundesrepublik sind immerhin rund 16 Prozent der Manager weiblichen Geschlechts. Diese Zahl jedoch täuscht, denn in Japan sind auch Frauen im Management noch weit entfernt von den Hebeln der Macht. So beschäftigt zwar der Elektronickonzern Fujitsu unter rund 35 000 Mitarbeitern 11 000 Frauen, aber ganze fünf Managerinnen, die auch noch auf den unteren Stufen der Hierarchie stehen. Die Verwaltung, die schlecht auf Lehrerinnen und Krankenschwestern verzichten kann, hält es schon für eine Konzession, ihre Beamtinnen wenigstens nicht beim Gehalt zu diskriminieren. Das Justizministerium beschäftigt zweiundsechzig Spitzenbeamtinnen – ein Rekord unter den Zentralbehörden. Die Top-Frauen der Justiz sind überdies fast ausnahmslos in Frauengefängnissen und im Jugendstrafvollzug tätig.

"In der Politik verteidigen die Männer ihre Territorien, als ginge es um ihr Leben", klagt Mayumi Moriyama von der konservativen Regierungspartei, eine von achtzehn weiblichen Abgeordneten in Tokios machtlosem Oberhaus mit 252 Sitzen. Für die sozialistische Parlamentarierin Mitsu Kaneko ist die Diskriminierung in der Politik eine Folge der Zurücksetzung in der Industrie. "Frauen fehlt es ganz einfach an Erfahrung und Ausbildung, denn die Industrie versperrt ihnen ja die Karriere."

Im alles entscheidenden Unterhaus vertreten gerade acht weibliche Mitglieder von 511 Abgeordneten die Sache der Frau in Japans Politik. Obendrein gehören zehn der sechsundzwanzig Politikerinnen in beiden Häusern des Tokioter Parlaments der Kommunistischen Partei Japans an, "die als einzige der Kraft der Frau vertraut", wie die KPJ-Abgeordnete Ikuku Yamanaka ihrer eigenen Partei nachrühmt. An der Basis, wo es um die Verteilung lokaler Pfründe geht, schrumpft weibliche Teilhabe an der Politik weiter: Unter den 45 976 Volksvertretern in Städten und Gemeinden verlieren sich die 340 Lokalpolitikerinnen geradezu. Am 1. November dieses Jahres wurde erstmals seit 22 Jahren wieder eine Frau mit einem Ministeramt betraut: Shigeru Ishimoto ist seitdem Staatsminister für Umweltschutz. Sie ist zugleich die dritte Ministerin, seit die US-Besatzung den Japanerinnen im Dezember 1945 das aktive und passive Wahlrecht bescherte.

Frauen in der Politik sind auch für Politiker die Ausnahme. "Zunächst einmal wünsche ich, daß Frauen hundert Prozent wundervolle Mütter werden", bekannte Japans Premier Nakasone im März während der Parlamentsdebatte eines Gesetzentwurfes zur Gleichstellung der Frau am Arbeitsplatz und fuhr dann fort: "Dann möchte ich sie als gute Ehefrauen sehen. Und schließlich sollen aus ihnen Damen werden, die einen Beitrag zur Gesellschaft leisten." Nippons Arbeitgeber hätten ihre Wunschliste an die Frau kaum treffender formulieren können.

Kaum Anspruch auf Rente

Da wundert es nicht, daß Frauen in Japan auch schlechter entlohnt werden als ihre männlichen Kollegen. Nach einer Untersuchung der Genfer Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ist die Disparität in Japan sogar international ohne Beispiel: Frauen verdienten nur 43,1 Prozent der Vergleichslöhne ihrer männlichen Kollegen. Das monatliche Einkommen stellt überdies im Land der lebenslangen Anstellung und der Besoldung nach Alter nur einen vergleichsweise untergeordneten Teil der sozialen Sicherung dar. Bonuszahlungen und erhebliche Ruhestandsabfindungen ergänzen die laufenden Einkommen der praktisch unkündbaren Mitarbeiter, 67 Prozent aller arbeitenden Japanerinnen, Beamtinnen und öffentliche Bedienstete eingeschlossen, aber sind arbeitsrechtlich als "Teilzeitkräfte" eingestuft und haben damit keinen Anspruch auf vollen Bonus oder gar auf Ruhestandsgratifikationen.

Blumen am Arbeitsplatz

Die "weibliche Teilzeitkraft" arbeitet oft kaum weniger als ein Mann. Jede zweite schuftet mehr als 35 Wochenstunden, jede vierte gar die volle Tarifarbeitszeit, und dieses bei einem Lohn von nur 43,1 Prozent des Durchschnittseinkommens männlicher Kollegen. "Japans Weltmarktstrategie in den achtziger Jahren sind vollarbeitende, halbbezahlte weibliche Teilzeitkräfte", zürnt die Arbeitsmarktexpertin Emiko Shibayama.

Tokios Arbeitsministerium will dieser skandalösen Ausbeutung von Millionen Japanerinnen demnächst auf Anregung der Gewerkschaft ein Ende machen. Doch der Fortschritt ist klein: Teilzeitkräfte sollen nun nicht länger als reguläre Mitarbeiter arbeiten, und wenn sie an mehr als an fünf Wochentagen zur Arbeit gehen müssen, einen Anspruch auf ganze sechs bezahlte Tage Jahresurlaub erhalten. Diese Neuregelung – bisher nur geplant – ist Teil einer großangelegten Novellierung des japanischen Arbeitsrechtes, deren Beratung sich in Tokio schon über sechs Jahre hinzieht.

Mit der versprochenen Gleichberechtigung der japanischen Frau im Wirtschaftsleben ist es inzwischen nicht mehr weit her. "Beim Stichwort Gleichberechtigung wittern die Arbeitgeber eine einmalige Chance, im Namen der Chancengleichheit dem speziellen Arbeitsschutz für Frauen zuleibe zu rücken", sorgt sich Kiyomi Ichikawa, Sprecherin für Frauenfragen beim zweitgrößten, eher gemäßigten Gewerkschaftsdachverband Domei.

Die Sorge um eine Schlechterstellung weiblicher Arbeitnehmer durch das Reformgesetz zur angeblichen Verbesserung ihrer Lage ist berechtigt. So sollen die Begrenzungen der täglichen Überstunden für Frauen von gegenwärtig zwei Arbeitsstunden ebenso entfallen wie das bisherige Verbot von Nachtarbeit. Lediglich der Mutterschutz von sechs Wochen vor und nach der Geburt steht nicht zur Debatte. Die Gleichstellung der Frau bei Einstellung, Karriere und Ruhestand jedoch ebenfalls nicht, denn dies soll den Arbeitgebern lediglich empfohlen, nicht aber – notfalls bei Strafandrohung – abverlangt werden. "Das Ganze ist ein übler Trick", urteilt die Tokioter Rechtsanwältin Michiko Nakajima, "als ob es um einen Widerspruch zwischen Gleichberechtigung und Schutz der Frauen ginge."

Die meisten Japanerinnen scheinen sich ohne Aufmucken in ihr Los zu fügen, denn emanzipatorische Vorbilder sind im eigenen Land rar. Japans Medien – fest in Männerhand – entwerfen zudem von der Frauenbewegung in den USA und Europa fast ausschließlich wenig vorteilhafte Bilder. Die wenigen Karrierefrauen im Land, die es geschafft haben, sind isoliert und kaum als Modell für den Durchschnitt geeignet. Im letzten Jahr ergab eine Umfrage unter den Studentinnen von 27 Universitäten in Tokio, daß knapp 80 Prozent mit der Frauenbefreiung nichts im Sinn haben. "Das größte Problem der japanischen Frau ist ihre Apathie gegenüber allen Ursachen ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung", vermutet die Asahi.