Von Rudolf Herlt

Hermes ist bei der Wirtschaft in Ungnade gefallen. Der griechische Gott, zumeist als kraftvoller Jüngling dargestellt, empfängt die Befehle der Götter und übermittelt sie als Bote, über Meere und Länder eilend, den Sterblichen. Die Hermes-Kreditversicherung, ein kraftvolles privates Unternehmen, empfängt die Entscheidungen darüber, ob ein Ausfuhrgeschäft oder Finanzkredit durch eine Bürgschaft abgesichert wird, von der Bundesregierung und übermittelt sie als Bote den sterblichen Exporteuren und ihren Banken.

Beide sind zur Zeit schlecht auf Hermes zu sprechen. Unsere Absatzchancen im Ausland wären größer, klagen die Exporteure, wenn Hermes unsere Risiken stärker abdecken würde. Bankvorstände fordern, Hermes solle gefälligst mehr Mut zeigen; schließlich würden die Banken ja auch neue Auslandsrisiken übernehmen und machten ihr Engagement trotzdem nicht, wie Hermes, davon abhängig, ob die alten Schulden bezahlt sind. Die Summe der Vorwürfe lautet: Die deutsche Wirtschaft könnte im Ausland mehr verkaufen, wenn sich Hermes nicht so zugeknöpft gäbe.

Hermes bezieht Prügel, die der Bundesregierung zugedacht sind. Das Unternehmen arbeitet bei der Absicherung von Auslandsrisiken als Treuhänder im Namen und für Rechnung des Bundes. Ausfuhrgarantien und -bürgschaften, die Hermes gemeinsam mit der Treuarbeit AG federführend für den Bund bearbeitet, sind nicht in den Jahresabschluß einbezogen. Verwaltungsakte des Bundes werden von Hermes nur nach zivilrechtlichen Grundsätzen abgewickelt.

Die Exportwirtschaft untermauert ihre Klagen: Im Ausland gibt es viel großzügigere Systeme. In der Tat ist der Anteil der abgesicherten Exportgeschäfte am Gesamtexport in Großbritannien mit vierzig Prozent oder in Frankreich mit über dreißig Prozent wesentlich höher als in der Bundesrepublik. Bei uns hat dieser Anteil niemals mehr als zehn Prozent betragen. 1983 waren es 7,7 Prozent, 1984 dürfte auch nur wieder ein Anteil zwischen fünf und zehn Prozent erreicht werden.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als habe die Exportwirtschaft recht. Aber schon nach dem zweiten Blick wird deutlich, daß das deutsche System mit dem anderer Länder nicht vergleichbar ist, auch nicht mit dem amerikanischen System der Förderung durch die Exim-Bank, die selbst Kredite gibt und Finanzierungen abdeckt. In den Vereinigten Staaten sind die Anteile der gedeckten Ausfuhrkredite am Gesamtexport noch kleiner als in der Bundesrepublik: 1982 waren es etwas mehr als zweieinhalb Prozent, 1983 nicht mehr ganz ein Prozent.

Jedes Land hat sich das System der Exportförderung zugelegt, das zur Leistungsfähigkeit seiner Wirtschaft paßt. Der deutsche Export wäre auch dann noch gut, wenn es die abgesicherten Kredite nicht gäbe. In England und Frankreich würden nacn Abzug der gesicherten Exportkredite nur noch bescheidene Restgrößen übrigbleiben. Das Fehlen des abgesicherten Volumens würde die Wirtschaft schmerzlich treffen. Die hinter den britischen und französischen Systemen stehende Philosophie gipfelt in dem Bekenntnis: Der Staat muß die Promoter-Rolle übernehmen und den Banken das Risiko abnehmen, damit der Export floriert.