Harold "Super-Mac" bleibt für die Briten die Verkörperung einer guten alten Zeit. Jeder (fast jeder) hatte Arbeit, die Konservativen administrierten den Sozialstaat und entkolonisierten Afrika, Premierminister Macmillan reiste mit Onkelgefühlen zu Kennedy und mit Pelzmütze zu Chruschtschow. England lebte nach dem Suez-Sturm von 1956 im Windschatten. Dann, 1963, stolperte der Premier über die Beine der Christine Keeler und mußte gehen.

Heute ginge die Regierungschefin selbst dann nicht, wenn einer ihrer Top-Minister mit der Maitresse des Leibhaftigen schliefe. Und es war die durch Frau Thatcher in die britische Politik getragene schroffe Frontenbildung, die ihren Vorgänger nun im Oberhaus vors Mikrophon trieb, eine Jungfernrede mit 90 Jahren.

Er sprach nicht mit der Desorientierung des alten Herren inmitten für ihn unverständlichen Wandels. Wochenlang hatte der zum erblichen Earl of Stockton Hochgelobte die Experten konsultiert; dann memorierte er eine halbstündige Rede, da die Augen keine hilfreiche Notiz mehr erkennen. Ein Triumph des Könnens, das man nicht verlernt. Sein Appell: Der Haß muß wieder weichen aus dem Lande. Damit meinte er vor allem, aber nicht nur, den neunmonatigen Zechenstreik mit den allmorgendlichen Gewaltszenen.

Der neue Graf von Stockton findet die ganze Ideologisierung der Gesellschaft verheerend in einer Demokratie, deren Merkmal früher die weitgehende Freiheit davon war. Marxismus und Monetarismus gelten ihm gleich wenig; kokettierend mit der Vergeßlichkeit fischte er einen Augenblick nach dem Modewort für Frau Thatchers Finanzpolitik. Der rhetorische Kniff anstelle der gehässigen Invektive – das war einmal englischer Stil.

Das Oberhaus zeigte sich rechts wie links entzückt. Die Lords spüren ihre zunehmende Bedeutung. Dem zur Zustimmungsmaschine degradierten Unterhaus mit seiner durch das Mehrheitswahlrecht künstlich aufgeblähten Regierungsmajorität täte eine machtvolle Zweite Kammer à la Washington sehr gut. Macmillan, der letzte Premier der alten Konsensus-Politik, als erster "Senator" einer künftigen – das wäre ein abgerundetes Staatsmann-Dasein.

Karl-Heinz Wocker (London)