Hervorragend

"Speedy Sisters". Das sehr alberne Titelbild, das die "geschwinden Schwestern" von sich haben machen lassen, fordert schlimme Vermutungen heraus: Bumstrallera, lärmende Gags, brüllende und kichernde Komik. Es ist ganz anders: drei gesangskundige, überaus musikalische – und musikalisch versierte – Frauen (Hanni Nagl, Gretl Bauer, Connie Webs) singen (meist angelsächsische) Schlager aus den dreißiger Jahren. Sie lassen sich dabei nicht von dickleibigen Klängen eines Orchesters einwickeln, sie holten sich statt dessen nur einen Mann ans Klavier (Walter Haimann, der es wohl auch ist, der den Mut hat, in den Rühmann-Schlager vom Herzensbrecher einen neuen Ton zu bringen: es klappt). So kommt alles, was die drei können, zum Vorschein, und das ist vor allem der originelle, meist von Gretl Bauer besorgte Satz. Das ist freilich auch der leichtfüßige Gesang der drei. Sie tragen nicht dick auf, übertreiben keine musikalische Pointe, zeigen bei Verzögerungen, Beschleunigungen, bei kleinen Glissandi und Betonungen viel Geschick. Ironie ist ihnen nicht fremd, sie haben Humor. Ihre Vorführung ist von schwebender Beschwingtheit, sogar lustig. Die Begleitung mischt sich wie selbstverständlich darunter; das Klavier klingt so klar und so trocken wie auf Kleinkunstbühnen, also richtig, und mit gekonnter Lässigkeit sehr professionell. Die Feinheiten eröffnen sich aber erst beim zweiten, dritten Hören, sobald der Oberflächenreiz des (tatsächlichen oder vermeintlichen Wiedererkennens) matt geworden ist und man anfängt hinzuhören. Dann bemerkt man auch, daß der Vorführung kunstvoll die Glätte des Überperfekten verweigert wird, selbst bei der Delikatesse, die dieser Schallplatte auf der zweiten Seite mitgegeben wurde: drei "Charaktervariationen zum Thema ‚Blues‘". (Blue Angel BA 20016; nur über Zweitausendeins, Postfach, Frankfurt am Main 61) Manfred Sack

Moby Grape: "Moby Grape". Mit den LSD-inspirierten Psychedelica der Kollegen hatte dies San Francisco-Quintett nie etwas im Sinn. Die Auffassung davon, wie man Rhythm & Blues, Bluegrass, Balladen und Rock ’n’ Roll auch spielen könnte, die Moby Grape auf ihrem Debüt von 1967 vertraten, war buchstäblich un-erhört. In manchen Aspekten vielleicht den Who vergleichbar, spielten die fünf auch den härtesten Hard Rock, Jahre bevor der Begriff überhaupt erfunden war. Gleich beim ersten Song "Hey Grandma" demonstrierte Jerry Miller, was man mit entfesselten Pyrotechniken auf vorverzerrter Gitarre anstellen konnte. Der Gruppen-"Sound" von Moby Grape war der kompakteste aller Westküsten-Bands. Einen Country-Song wie "Naked, If I Want To" hat vorher oder nachher nie jemand gesungen. Aber die LP wurde damals bei uns nicht einmal offiziell veröffentlicht. Das zweite, weithin mißlungene Doppelalbum "Wow" starb den kommerziellen Tod, und trotz des glorreichen Comebacks mit "Moby Grape ’69" war die Gruppe längst so etwas wie Legende geworden. Jetzt wurde das Debüt endlich von einer kleinen englischen Plattenfirma wieder aufgelegt – und hat nach siebzehn Jahren so wenig Patina angesetzt wie die"Sun Sessions" von Elvis, wie "Bringing It All Back Home" von Herrn Zimmerman, "Green River" von Creedence Clearwater Revival oder "Rubber Soul". Warum allerdings in Mono-Abmischung, verstehe, wer kann. (Edsel Records ED 137/Teldec Import Service) Franz Schüler

Hörenswert

"The Harmonius Blacksmith". Auch wenn wir Deutschen es wohl nur ungern hören werden: spätestens mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts haben uns die Italiener und die Franzosen das "Dichten und Denken" in der Musik abgenommen, streiten die beiden Parteien um Vorrechte und die Kenntnisse der "wahren Art", eifern alle übrigen Nationen in der Nachahmung dieses oder jenes. Trevor Pinnock hat sich aus den Musiken für Tasten-Instrumente (die seinerzeit durchaus auf unterschiedlichen Mechaniken gespielt wurden) eine Folge zusammengestellt, die recht gut die stilistischen Eigenarten deutlich macht: Strukturen eines Themas, das zu variieren oder im Konzert fortzuführen ist, gegenüber dem auf rhythmischen Mustern historischer Tänze beruhenden Suiten-Prinzip. Da Trevor Pinnock zudem die ganze Fülle einer Cembalo-Technik beherrscht, gibt diese Platte einen starken Eindruck wieder von jener kammermusikalischen Praxis, wie sie etwa ein in höfischen Diensten stehender Concert- oder Capellmeister um die Jahre 1720 bis 1730 zu absolvieren und darin zu glänzen hatte. Daß Trevor Pinnock an den besten Höfen Chancen auf ein gut dotiertes Engagement hätte, steht außer Zweifel. (DG Archiv 413591)

Heinz Josef Herbort