Ein riesiges Lagerfeuer flackert. Rundherum in der Julinacht Tausende junger jüdischer Pfadfinder und Pioniere. Jizchak Schwersenz tritt hervor, um zur Feier des Sabbath die Sagen des Micha Bin Gurion vorzutragen. In die feierliche Stille hinein ertönen plötzlich aus dem umliegenden Wald Schmährufe: "Juda verrecke – Deutschland erwache!" Die Hitlerjugend von Dessau hat das Lager umstellt.

Wir schreiben das Jahr 1932. An diesem Wochenende wird der Reichstag gewählt, und die Nationalsozialisten werden zum erstenmal die stärkste Partei sein. An diesem schwarzen Tag der deutschen Geschichte sind die jungen Zionisten der Organisation Kadimah (Vorwärts) in ein Bundeslager nach Dessau gefahren. In Dessau wurde Moses Mendelssohn geboren, jener Philosoph der Aufklärung, dem sein Freund Lessing im "Nathan der Weise" ein Denkmal gesetzt hat.

Im Lager wird Alarm geblasen. Es trifft sich gut, daß einer der Lagerleiter kampferfahren ist: Enzo Sereni, ein junger Schaliach (Botschafter) der Kibbuzzim. Sereni, ein Italiener, war in den zwanziger Jahren nach Palästina ausgewandert und hatte sein ganzes Vermögen dem Kibbuz Givat Brenner vermacht. Für die Jungen im Dessauer Lager ist er ihr Held. Denn Sereni hat sich schon nächtlicher Überfälle feindlicher Araber auf die Kibbuzzim erwehren müssen.

Im Handumdrehen hat er die Verteidigung gegen die Nazis organisiert. Blauweiß und braun uniformierte Jungen schlagen mit Knüppeln und Fäusten aufeinander los. Ein kleiner Trupp des Kadimah kann durchbrechen und die Polizei in der Stadt alarmieren. Doch die hat es gar nicht eilig. Dennoch können die jungen Juden ihr Lager halten, bis endlich die ersten Polizisten eingreifen. Nicht wenige Schwerverletzte müssen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Am nächsten Tag schließt die Polizei das Lager "wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit". Traurig ziehen die Blauweißen durch die Straßen der Stadt zum Bahnhof, begleitet von den Hetzrufen vieler Dessauer.

Elf Jahre später, als die Sechste Armee in Stalingrad untergeht und in den Vernichtungslagern des Ostens die Krematorien rauchen, wird Jizchak Schwersenz in Berlin die erste zionistische Untergrundbewegung in Deutschland gründen. Die Gestapo wird seine Gruppe zerschlagen, die Hunderten jüdischer Bürger das Leben gerettet hat, und Schwersenz wird sich, in der Uniform eines Luftwaffenoffiziers, zur Schweizer Grenze durchschlagen.

Ein Jahr später wird Enzo Sereni, der Held von Dessau, als Fallschirmjäger der jüdischen Elitetruppe Palmach über dem von Deutschen besetzten Norditalien abspringen, in Gefangenschaft geraten und im Konzentrationslager Dachau umkommen (siehe Kasten Seite 19).

Jüdische Widerstandskämpfer in Deutschland? Beim großen Kongreß der Historischen Kommission in Berlin zum 20. Juli kam der Widerstand der deutschen Juden als Thema überhaupt nicht vor. Kein Wunder, denn vierzig Jahre lang hat sich die Zeitgeschichtsforschung dem Vorurteil hingegeben, die Juden hätten sich wie Lämmer zur Schlachtbank treiben lassen. Als einziges heroisches Fanal gestand man ihnen den Aufstand im Warschauer Ghetto zu.