Von Dörte Schubert

Computer sollen den Aufschwung bringen – für die schulische Ausbildung, aber auch für die Computerhersteller. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) verlangte schon im vergangenen Jahr den verstärkten Einsatz von Mikrochips an Schulen und Hochschulen, schließlich geht die Industrie von einem Investitionsvolumen von stolzen 400 bis 600 Millionen Mark für die Geräteausstattung der Schulen und die Programmherstellung aus. Die Bereitschaft, bei der geforderten Entmystifizierung der Technik mitzuhelfen, bewies beispielsweise IBM, die 100 Personal-Computer im Wert von 1,5 Millionen Mark für den Einsatz an Gymnasien und für die Lehrerausbildung in Baden-Württemberg spendete. Das Computerpräsent für die Schulen gehört auch bei den kleineren Herstellern zum guten Ton und selbst eine Mineralölgesellschaft überreichte werbewirksam 16 in der Firma "frei gewordene" Rechner-Anlagen für den Informatik-Unterricht an Hamburger Schulen. Ganz uneigennützig sind die Gaben der Computer-Hersteller nicht, die Firmen hoffen auf Nachfolgegeschäfte, was einen Mitarbeiter des Bremer Bildungssenatoren annehmen läßt, daß die Industrie so "doch nur ihre Ladenhüter verramscht".

Ob alte Ladenhüter oder neueste High-Tech, wenn von Computern an Schulen die Rede ist, beginnen die Augen der meisten bundesdeutschen Kultusminister freudig zu leuchten. Den Umgang mit der neuen Technik hatte Bundesbildungsministerin Dorothee Wilms zum "notwendigen Bestandteil der Allgemeinbildung" erklärt und die Elektronik zog flugs in die Klassenzimmer ein. In Spezialkursen wurden Tausende von Lehrern für den Umgang mit Disketten, Druckern und Modulen "nacnqualifiziert", an den Hochschulen belegten Lehrerstudenten das neue Wahlfach "Informatik für Lehrer".

Zunächst wappneten sich berufsbildende Schulen und Gymnasien mit den Datenverarbeitungsanlagen, um das "verantwortungsbewußte Handeln im Alltag und in der Alltagswelt" (Dorothee Wilms) zu erlernen. Offenbar geriet die technische Neuheit damit zum Prestigeobjekt; alle wollten nun den Computer. In Bayern erhielten ihn rund 59, in Niedersachsen rund 25 Prozent aller Realschulen. Die Hauptschulen möchten nun auch gerne einen – schon wegen der Chancengleichheit – doch dort tauchen die Terminals bislang nur sehr vereinzelt auf: Informatik-Unterricht am Computer wird beispielsweise an nur neun bayerischen Hauptschulen angeboten, sieben der 45 Berliner Grundschulen sind für den Unterricht am Computer technisch gerüstet und auch in Niedersachsen stehen für einen Modellversuch erst wenige bereit.

Immerhin existieren für den naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereich, in dem der Computer vorwiegend eingesetzt wird, klare Vorstellungen, was im Unterricht mit ihm geschehen soll. In Niedersachsen möchte man den Computer möglichst auch im Deutsch- und Geschichtsunterricht der oberen Klassenstufen nutzen – ohne daß bislang Ideen über den Nutzen der Geräte für diese Fächer laut geworden wären. Aber: "Möglichst jeder Schüler sollte einmal während seiner Schulzeit mit dem Rechner in Berührung gekommen sein", wünscht sich Niedersachsens Kultusminister Georg-Berndt Oschatz. Dies auch, um die Schüler rechtzeitig auf den späteren Berufsalltag vorzubereiten.

Die Computer-Euphorie zieht weite Kreise und verschont auch Grundschüler nicht: Versuchsweise wird in sechs Bremer Schulen der Computer für Siebenjährige erprobt und eine Grund- und Hauptschule in Braunschweig ließ sich sogar mit einem Computergeschenk für die Erstkläßler beglücken. Eine Didaktik existiert zwar für diesen Bereich nicht, aber "in der Unterrichtsgestaltung ist der Lehrer ja frei, solange er sich an die Richtlinien hält", erkärt ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums. Als Richtlinie dient den Pädagogen einstweilen der "Taschenrechner-Erlaß", der allerdings eigentlich erst auf Schüler ab Klassenstufe acht angewendet werden darf.

Die sozialdemokratisch regierten Länder sehen den ungehemmten Computereinsatz meist distanzierter als ihre konservativen Kollegen. Wirtschaft und Bundesregierung hätten eine "hysterische Welle" ausgelöst, meinte Hamburgs Schulsenator Joist Grolle. Bei einer hemmungslosen Ausbreitung der Neuen Technik im Bildungswesen bleibe letztlich nur noch eine erbärmliche Reststruktur der europäischen Kultur übrig. Auch sein Bremer Kollege Horst-Werner Franke warnte vor den gesellschaftlichen Folgen einer computerisierten Welt. Was der verfrühte Einsatz der Maschinen bei Kindern anzurichten vermag, ist dem Senator klargeworden, als er beim Unterrichtsbesuch den Kampf eines Mädchens mit dem Computer beobachtete. Ratlosigkeit machte sich breit, als sie meinte: "I go to nach return."