Von Roger de Weck

Paris, im November

Er streckte die Beine unter den Tisch und schlug, im Rhythmus der Ungeduld, die modischen Stiefeletten zusammen. Der Regierungssprecher war nicht bei der Sache. Die übliche Pressekonferenz nach der Sitzung des Ministerrates langweilte ihn zutiefst. Das Kabinett hatte Maßnahmen gegen den Geburtenrückgang beschlossen. Das sei zwar "eine Frage des nationalen Überlebens", erklärte Roland Dumas, doch er hatte dringlichere Sorgen. Vorzeitig verließ er die Journalisten und eilte über die regennasse Straße zurück ins Elysée. Das war am Mittwoch voriger Woche.

Am Donnerstag, frühmorgens kurz nach sieben, fand sich Roland Dumas, der Sprecher, der Europaminister, der alte Freund und Nachbar an der rue de Bièvre, der Konfident, der Mann fürs Heikle – bei Mitterrand ein und begleitete den Präsidenten zum Flughafen. Riet er ihm nicht zur Vorsicht? Wußte François Mitterrand, als er sich von Dumas verabschiedete und nach Kreta abflog, daß aus dem Labyrinth kein Entrinnen sei? Mitterrand wagte es, sich mit dem blutrünstigen Minotaurus in Gestalt des libyschen Diktators Muammar al-Ghaddafi einzulassen.

Die Logik der von Mitterrand und Dumas verfolgten Politik im Konflikt um den Tschad sprach für ein Treffen mit Ghaddafi. Von Anfang an war es des Präsidenten Grundsatz gewesen, den unberechenbaren Libyer als Verhandlungspartner anzuerkennen. Dabei spielte Roland Dumas als geheimer Unterhändler eine entscheidende Rolle. Als libysche Truppen im Sommer 1983 in den Tschad einmarschierten, drängten die Amerikaner Mitterrand, sofort und massiv zurückzuschlagen. Doch der französische Präsident begnügte sich vorerst damit, Dumas zu Ghaddafi zu entsenden: "Wollen Sie denn Krieg, Herr Oberst?" Der war aber so leicht nicht einzuschüchtern; er nutzte im Gegenteil die Frist, um sich im Nord-Tschad zu etablieren.

Von da an hatte François Mitterrand eigentlich keine andere Wahl, als sich mit Ghaddafi zu verständigen. Frankreich unterstützt den tschadischen Präsidenten Hissein Habré, Libyen dessen Widersacher Goukouni Oueddei; keine Seite Ist stark genug, den militärischen Sieg davonzutragen. Im seit zwei Jahrzehnten währenden Bürgerkrieg gibt es, wenn überhaupt, nur eine politische Lösung.

Die strebte Roland Dumas an. Monatelang liefen über verschiedene Kanäle die Verhandlungen. Der Franzose traf in Spanien den Ghaddafi-Freund Bruno Kreisky, empfing in Paris libysche Unterhändler. Erst als die Vereinbarung über einen beiderseitigen Truppenrückzug spruchreif war, wurde Mitte September der Außenminister Claude Cheysson eingeschaltet und setzte seine Unterschrift neben die Ghaddafis. "Zu schön, um wahr zu sein", verlautete aus den Vereinigten Staaten. Doch Mitterrand hielt hartnäckig an der Vereinbarung fest, obwohl ihn seine Geheimdienste darüber aufgeklärt hatten, daß über tausend libysche Besatzer im Lande verblieben oder – schlimmer noch – erneut aufmarschiert seien.