Von Gabrielle Wittkop-Ménardeau

Unter den Leinendächern des Wochenendmarktes sind die Schatten durchsichtig wie alter Madeira. In die schrägen Lichtstrahlen des Hell-Dunkels platzt das jähe Rot eines Obststandes oder die Fanfare der in langen Reihen aufgehängten Messingkannen. Haushaltswaren, Gemüse, Wäsche, Klamotten aus zweiter Hand, alte Bücher, Videokassetten, Tiere und Pflanzen, Körbe und Amulette, alles wird auf Bangkoks Wochenendmarkt angeboten. Man ist trunken von Lärm. Die Geruchsskala reicht vom Gestank trockenen Fisches und der Geflügelinnereien bis zum paradiesischen Duft der Gewürze und der frisch begossenen Blumen. Läßt man sich von der Magie der Orchideen fangen, die ihre langen Stengel in der Luft wiegen, beginnt man eine Entdeckungsreise in die Windungen ihrer Kelche, kann man unvermutet von der Dunkelheit überrascht werden. Plötzlich sind die Gänge leer und verlassen, nur hie und da noch packt eine Marktfrau ihre Waren, sie tut, als ob sie nichts sehen, nichts hören wolle. Neue Gestalten huschen im fahlen Licht der Lampen, eilen den ambulanten Küchen und Krapfenbuden entgegen.

Südwestlich vom Lak Muang-Schrein, der den mit magischen Kräften beladenen Grundstein der Hauptstadt Bangkok enthält, erstreckt sich das riesige Gelände des Großen Palastes, eine surreale, schier unglaubhafte Welt, die man weder optisch noch geistig zu fassen vermag. Sogar Jean Cocteau geriet bei diesem Anblick in Staunen. Man fühlt sich als Insekt, zwergenhaft zwischen goldenen Schachfiguren, Spiegeltürmen, Mosaikreitern, funkelnden Dämonen. Der Palast, von einer hohen Wehrmauer umgeben, wurde 1782 von Rama I., dem Gründer der jetzigen Dynastie, erbaut, aber jeder der nachfolgenden Herrscher hat an der Anlage weitergewirkt. Hier spann Mrs. Anna Leonowens das Garn ihrer mächtigen Phantasie, hier entstand die Fabel von "An English Governess in the Court of Siam", als "Anna und der König von Siam" überarbeitet weltweit verbreitet. Mrs. Leonowens – eine Lady von deprimierendem Äußeren – sah fast niemals den König Rama IV., der sie übrigens nie erwartet hatte, um sich westliches Gedankengut. anzueignen. In Wirklichkeit verbrachte die sauertöpfische Gouvernante fast ihre ganze Zeit mit anderen britischen Damen, wobei das Gespräch sich hauptsächlich um die Mängel des Gastlandes und die Vorteile von Großbritannien drehte. Wie mag sie die vehemente Architektur des Palastes empfunden haben, all diese steinernen Löwen, gehörnten Giebel, polychromen Ziegel? Man verliert die Orientierung zwischen den verschiedenen Hallen: Empfangshalle, Auskleide-Pavillon, Trauerhalle...

Der Wat Phra Keo, der Tempel des "Smaragdenen Buddha", befindet sich neben dem Großen Palast und ist das größte Heiligtum Thailands. Das kaum 75 Zentimeter hohe, wundertätige Bildnis, das nicht aus Smaragd, sondern aus Jaspis besteht, wurde vermutlich in der Nähe von Chiangmai entdeckt. Es thront auf seinem goldenen Altar, zwölf Meter über den knienden Gläubigen, unendlich fern. Zu Beginn jeder der drei thailändischen Jahreszeiten wechselt der König die Kleider des "Smaragdenen Buddha" eigenhändig: ein schwerer Umhang aus Gold und Email für die Winterzeit, ein Mantel aus blaugemustertem Goldbrokat für die Regenzeit und eine mit Diamanten bestickte Robe für die heiße Jahreszeit. Hier ist alles symbolisch, und das mystische Erlebnis offenbart sich durch Zeichen und Anspielungen.

Wat Po, wo sich die berühmte Statue des "Liegenden Buddha" befindet, ist verwirrend. Eine schockierende Kirmes wird auf dem Tempelgelände abgehalten, und Touristen können sich mit einer Schlange um die Schultern oder einer Thai-Tänzerin am Arm knipsen lassen. Ein Mann hält Singvögel in einem engen Käfig gefangen: Free the birds and you will be happy – "Laß die Vögel frei und du wirst glücklich sein." Was bleibt einem anders übrig, als auf diese scheußliche Erpressung hereinzufallen? Dem Herrn Buddha hätte der böse Trick nicht gefallen, auch die toten Schmetterlinge hätten ihm sicher keinen Spaß gemacht, die man unter Glas als Touristenschund anbietet. Dennoch ist die Anlage sehenswert, mit ihren steinernen Tieren und Pagoden (die nach Thailand als Ballast auf Getreidebooten kamen) und mit der wunderschönen Porzellanfassade des Bibliothekenbaus. Wat Po, dem ein wichtiges Kloster angeschlossen ist, gilt als älteste öffentliche Bildungsanstalt und als erste Universität Thailands. Neben geistlichen Übungen und Meditationsregeln wurden so verschiedenartige Disziplinen wie Astronomie, Literatur, Strategie und Heilkunde gelehrt. In den modernen Gebäuden des Klosters, auf der linken Seite des Eingangs, wird noch jeden Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr die traditionelle Medizin praktiziert.

Die gigantische Statue – 46 Meter lang, 15 Meter hoch – liegt in der Mitte einer wundervollen Halle und stellt Buddha bei seinem Eingang ins Nirwana dar. Das Gold der Wange, der Schulter schimmert in der Dunkelheit, die mit Perlmutt-Intarsien eingelegten Fußsohlen tragen die 108 Zeichen, die zum Wesen eines Buddha gehören. Eine seltsame Faszination geht von dem Bildnis aus, etwas sehr Mysteriöses und sehr Ergreifendes, gleichzeitig auch Heiteres.

Weit und milchig grün ist der Fluß Chao Phya, wo sich Inseln von Wasserhyazinthen eine wahre pflanzliche Pest – in der Flut wiegen. Auf dem anderen Ufer erhebt Wat Arun, der "Tempel der Aufgehenden Sonne", seinen riesigen Stupa gen Himmel, scheint aber flach und dunkel wie ein Scherenschnitt. Immer galt der Fluß als großer Weg des Landes, und als Ayuthya noch prachtvolle Hauptstadt von Siam war, spielten Regatten und königliche Wasserprozessionen eine wichtige Rolle im Zeremoniell. Als König Narai diplomatische Beziehungen mit Frankreich aufnahm, schickte Ludwig XIV. eine Delegation zu ihm; sie bestand aus dem Chevalier de Chaumont und einigen Jesuitenpatern, unter ihnen Pater Tachard, der in seinem Buch Voyage de Siam des Peres Jesuites, envoyes par le Roi aux Indes et à la Chine, (Paris, 1686) den Umzug der königlichen Barken anläßlich des Kathin-Festes ausgiebig schildert. Die Kathin-Zeremonie gehört zu einem der wichtigsten Rituale des Buddhismus, und ihre. Tradition hat sich bis heute erhalten. Jedes Jahr, am Ende der Regenzeit, werden die königlichen Barken verwendet, wenn der König den Mönchen von Wat Arun seine Gaben bringt.