Von Manfred Sack

In dieser Woche hat eine Münchner Bäckerei einen Orden bekommen. Es ist keiner, der den Inhaber als kaufmännischen Erfolgsmenschen priese, als einen nicht zu bremsenden Gewerbesteuerzahler oder als bayerischen Brot- und Kuchenkönig. Der Orden, in Gestalt einer Plakette, wurde einem Gebäude angeschraubt, das in der Rubrik "Industriebauten" zu finden ist: eine große Bäckerei im Hinterhof eines dicht besiedelten Stadtteils. Belohnt wurden der Architekt und sein Bauherr, weil sie etwas Normales vollbracht haben, das heutzutage als außergewöhnlich gilt: Der Firmenchef wurde gelobt, weil er mit seinem erweiterten Betrieb nicht an den Stadtrand geflüchtet, sondern mitten in München geblieben ist, wo seine Bäcker wohnen, weil er mit dem Neubau im Hinterhof zur Sanierung, also zur Gesundung eines ehemals düsteren Platzes beigetragen, weil er sich nicht eine Kiste aus dem Industriebau-Katalog genommen, sondern sich mit einem erstklassigen Architekten eingelassen hat. Der wiederum wurde ausgezeichnet, weil ihm das scheinbar Unmögliche geglückt ist, nämlich in einer düsteren Umgebung ein transparentes Haus, einen freundlichen Arbeitsplatz, obendrein ein kleines Kunstwerk zu bauen.

Man hat auf einmal Walter Gropius im Ohr, der 1911, im selben Jahr, da er mit der Schuhleistenfabrik Fagus in Alfeld an der Leine der modernen Architektur auf den Weg geholfen hatte, schrieb: "Der Arbeit müssen Paläste errichtet werden, die dem Fabrikarbeiter, dem Sklaven der modernen Industriearbeit, nicht nur Licht, Luft und Reinlichkeit geben, sondern ihn auch etwas spüren lassen von der Würde der gemeinsamen großen Idee." Wenn die Bäcker in Rischarts Backhaus in der Buttermelcherstraße 16 in München möglicherweise Schwierigkeiten haben, die gemeinsame große Idee zu formulieren, fällt es ihnen aber nicht schwer zu bekennen, daß sie sich kaum einen besseren Arbeitsplatz denken können, keinen, der ihrem Beruf – also ihrer Arbeit – würdiger und freundlicher entgegenkäme als dieser.

Begreife einer, warum das so schwer ist, warum ringsum die architektonischen Schandtaten primitiver Unternehmer offensichtlich unaufhaltsam ins Kraut schießen: in Landschaften, die sie mit ihren greulichen Bauten zerstört haben, in den abgezirkelten Stadt-Reservaten, in die sie gewerbesteuergierige Kommunalpolitiker mit allen denkbaren Vergünstigungen gelockt haben. "Fährt man durch einstmals schöne Täler wie das Rems- oder Filstal", schreibt der Stuttgarter Architekt Hans Kammerer, "dann kommt dem Empfindsamen die Eisenbahn eher als eine Geisterbahn mit wechselnden, aber gleichermaßen erschreckenden Bildern vor." Sein Schweizer Kollege Rolf Keller hatte diesen menschenverachtenden Praktiken unserer auf Wirtschaftlichkeitsdenken abgerichteten Gesellschaft ein Buch gewidmet und im Titel die Sache beim Namen genannt: "Umweltzerstörung durch Bauen."

In welches "Gewerbegebiet" man auch schaut, man erschrickt vor diesen Konvoluten voll abschreckender Häßlichkeit. "Beamtete Wahrer der Stadt und Landschaft, von architektonischen Regeln (wenn es solche gibt)", schreibt Kammerer, "kapitulieren fast lautlos vor den Bauten der Industrie." Die wiederum stillt ihr Bedürfnis nach Repräsentation ja auch nur selten dort, wo produziert wird; sie entfaltet ihren Prunk am liebsten in den Verwaltungspalästen, die sie fernab in den Stadtzentren auftürmt. "Wenn wir ehrlich sind", schreibt Kammerer, "müssen wir zugeben, daß der Industriebau ein städtebauliches und ein architektonisches Ärgernis ist, das wir dulden" – weil wir die Industrie brauchen.

Jedoch, sagt Günter Behnisch, ein anderer im Metier erfahrener Architekt, die Schmucklosigkeit dieser Baukörper, die sich so leicht mit Kisten, Kästen, Klötzen oder Schachteln beschreiben lassen, sei immerhin von großer Redlichkeit, "offenbart sie doch genau den Stellenwert, der diesen Kisten von der Bauherrschaft beigemessen wird. Nach außen hin aber und womöglich auch nach innen, falls sich darin wirklich noch Menschen aufhalten sollten – sind sie rücksichtslos. Aus ihrem Erscheinungsbild sind genau jene Rücksichtslosigkeit und jener Egoismus ablesbar, der zu ihrer Entstehung geführt hat."

Was dagegen tun? Zögen diese Bauherren doch nur gute Architekten zu Rate! Denn, sagt Behnisch, ihnen könne es "gelingen, aus Kisten, die ohne ihre Mitwirkung rücksichtslos bleiben, Metaphern zu gestalten für eine Technik, die sich – ohne ihre Wesensmerkmale aufzugeben – der Welt des Menschen und der Welt der Natur zuneigt". Formale Phantasie, von vielerlei Zwängen herausgefordert, könne zu Industriebauten führen, "die den Trost enthalten über Unvermeidliches und zugleich den Hinweis auf eine bessere Welt, wie auch die Aufforderung, sich der Ungerechtigkeiten und der Ansprüche übergroßer Mächte zu erwehren". In den Vereinigten Staaten kennen Kommunen und Unternehmer längst den Imagewert architektonisch durchgebildeter "Industrieparks". Ein selbstbewußter Slogan lautet: "Eine schöne Fabrik ist eine schöne Landschaft."