Ach, wenn doch am 18. Oktober dieses Jahres um 20.15 Uhr der Empfang des Ersten Fernsehprogramms in den Wohnzimmern der Republik wegen einer technischen Panne für ein paar Stunden ausgefallen wäre! Dann hätte die Berliner Band "Spliff" auf ihrer Tournee wohl ein paar Zuhörer mehr und es nicht nötig gehabt, sehr schnell von großen Hallen auf Kleinere Konzerthäuser umzubuchen, damit sich das Publikum nicht allzu verloren vorkommt. Aber an diesem Donnerstagabend waren die Sendeanlagen alle intakt, und so kam es planmäßig zur Ausstrahlung von "Live aus dem Alabama" vom Bayerischen Rundfunk.

Die Folgen waren verheerend. Wo immer man in den Wochen danach mit Freunden über die bevorstehende "Spliff"-Tournee sprach, bekreuzigten sich die Gesprächspartner und riefen aus: "Da willst du hingehen? Hast du sie nicht aus dem ‚Alabama‘ gesehen? Das war doch eine einzige Katastrophe!" Die Leute mit einem weichen Herz wollte das Wolltuch des Schweigens über die Gruppe legen, aber die Hartherzigen, die früher auf die ständigen "Spliff"-Erfolge nur mit Neid gesehen hatten, entließen nun dessen Schwester, die Schadenfreude, aus der schlechten Familie ihrer Gefühle und rieben sich die Hände.

Tatsächlich war der Auftritt in der Fernsehsendung grauenhaft gewesen: Der Gesang war falsch, das Zusammenspiel klappte nicht, der Sound ließ an Mülleimer denken. Aber der vom Schlagzeuger zum Hauptsänger am Bühnenrand beförderte Herwig Mitteregger rotzte ein Selbstbewußtsein heraus, als hätte das Publikum die vermeintliche Sternstunde des Rock ’n’ Roll eigentlich gar nicht verdient. Dieser ganz ungerechtfertigte Stolz widersprach der miesen musikalischen Darbietung so sehr, daß er sicher zehntausend Leute davon abgehalten hat, sich eine Konzertkarte zu kaufen.

Das ist schade, denn natürlich ist die Band viel besser als ihr Ruf. Jeder hat einmal einen schwachen Tag. Reinhold Heil, der bei "Spliff" die Keyboards spielt, verschweigt nicht, daß die Band nach diesem Mißgeschick und dem schleppenden Vorverkauf lange überlegt hat, ob sie überhaupt auf Tournee gehen sollte. Denn selbst wenn es das Alabama-Fiasko nicht gegeben hätte: Bei der wirtschaftlichen Lage der meist jugendlichen Klientel, Eintrittspreisen ab 15 Mark für die billigen Plätze, einem Konzertangebot, das wenigstens in den Großstädten beinahe Woche für Woche mit Spitzenereignissen lockt, und schließlich dem Ehrgeiz, dem Publikum für sein Geld ein auch optisch beeindruckendes Erlebnis zu bieten, ist eine Konzertreise selbst für eine so bekannte Gruppe wie "Spliff" ein Risiko.

Aber seit sich die Musiker fürs Reisen entschieden haben, sind sie spielfreudig – selbst wenn, wie etwa in Hof, statt der erwarteten zweitausend Leute nur fünfhundert kommen.

Diesem Publikum nun bieten die Spliffer ein zweistündiges Programm, das die Höhepunkte ihres Repertoires der letzten vier Jahre umfaßt. Das älteste Stück ist der großartigen "Radio-Show" entnommen, einem Konzeptalbum, mit dem sich die in "Spliff" umbenannte ehemalige "Nina Hagen Band" von ihrem Schock nach dem unheimlich starken Abgang der Sängerin erholen konnte. Die "Nina Hagen Band", die da verlorengegangen war, setzte damals in Deutschland Maßstäbe. Sie war ein rational nicht ausreichend erklärbares Phänomen, ein nicht wiederholbarer Glücksfall, die erste und einzige Supergruppe, die es in Deutschland gab. Eine perfekte Mischung aus Musikalität und Management hatte plötzlich der deutschen Rockmusik nicht nur einen Impuls, sondern eine neue Identität gegeben. Daß das nicht nur an der phantastischen Sängerin gelegen haben konnte, bewiesen die vier Musiker aus Berlin mit ihrer Radio-Show und den nachfolgenden Platten.

In den besten Momenten strahlt "Spliff" auch auf der Bühne noch jene unerklärliche Kraft aus, die die Fans wie auf ein verabredetes Zeichen von den Sitzen hochschnellen, sich durch die Reihen zwängen und zur Bühne rennen läßt. Da steht dann Herwig Mitteregger, charmiert mit den hübschen Mädchen in der ersten Reihe, tanzt die verzwicktesten Synkopen mit, die der Gast-Schlagzeuger Curt Cress vom meterhohen Podest heruntertrommelt, und kann plötzlich sogar richtig singen. Da ist man froh, denn der Gesang der Band war immer ihre größte Schwäche. Im Studio fährt sie erfolgreich mit einer manipulierenden Technik auf, um aus dem beinahe tonlosen Geflüster des Bassisten Manne Praeker noch halbwegs als Gesang identifizierbare Melodiebrocken zu machen, aber auf der Bühne nützen alle verstärkenden Effekte nichts, wenn die Intonation reine Glücksache ist. Manchmal allerdings liegt Praekers Gesang derartig weit daneben, daß er fast schon wieder gut ist.