Der Fall Artukovic ist Höhepunkt einer amerikanischen Vergangenheitsbewältigung

Von Ulrich Schiller

Washington, im November

Sie kamen früh um acht, der Sohn behauptet später, "mit gezogenem Revolver": Kernige US-Marshalls – uniformierte Bundesvollzugsbeamte – und Ortspolizisten aus Seal Beach, wiesen die Gerichtsorder vor, griffen den alten Mann, hievten ihn in einen Ambulanzwagen und ließen die Siedlung Surfside Colony am Rande des breiten pazifischen Strandes alsbald wieder hinter sich. Schnurstracks fuhren sie hinaus nach Los Angeles zum medizinischen Zentrum der Universität von Südkalifornien, wo sie den grauhaarigen Greis in einen Gefängnistrakt einlieferten. Anwälte und Pressevertreter waren zur Stelle, als dem auf einer Bahre Liegenden der Haftbefehl verlesen wurde. Seine Vergangenheit hatte Andrija Artukovic endgültig eingeholt.

Es heißt, Artukovic habe schon mehrere Schlaganfälle erlitten und zeige Symptome der Alzheimerschen Krankheit. Trotzdem schien er zu verstehen, um was es geht: Jugoslawien fordert erneut seine Auslieferung wegen Kriegsverbrechen. Diesmal soll dem Auslieferungsbegehren stattgegeben werden. Neal Sher, der Direktor der Sonderabteilung für die Aufklärung von Naziverbrechen beim amerikanischen Justizministerium, bezeichnet den Verhafteten als den "Himmler" des faschistischen Regimes in Kroatien. Presseberichte sprechen vom ranghöchsten Nazi und Kriegsverbrecher in den Vereinigten Staaten.

Die Verhaftung erfolgte am 14. November 1984. Zufälligerweise hatte das State Department auf den Tag genau vor 35 Jahren der amerikanischen Einwanderungsbehörde bereits alles mitgeteilt, was über Artukovic zu wissen wichtig war: daß er gesucht wurde, weil er als ehemaliger kroatischer Innenminister mitschuldig sei an der Ermordung von über 700 000 Serben, Juden und Zigeunern; daß er sich die Einreise in die Vereinigten Staaten unter falschem Namen erschlichen und seine Aufenthaltserlaubnis längst überschritten hatte.

Der unwillkommene Gast