Feindliche Brüder rücken sich näher

Südkoreaner und Nordkoreaner spinnen einen dünnen Gesprächsfaden an

Von Nina Grunenberg

Seoul, im November

Herr Choj Moon Hyun ist Beamter in dem am Stadtrand von Seoul gelegenen Büro für den Süd-Nord-Dialog. Seine Dienststelle gehört zum Ministerium für Nationale Wiedervereinigung – sozusagen dem "innerdeutschen" Ministerium der Südkoreaner. Herr Choi weiß, wovon er spricht, wenn er solche Parallele zieht. Er kennt sich in den deutsch-deutschen Beziehungen vorzüglich aus. Das letzte Mal war er 1982 mit einer Delegation in Bonn, um sich das "geregelte Nebeneinander" im geteilten Deutschland von den Experten erklären zu lassen.

Wenig später schlug sein Minister den Nordkoreanern ein Zwanzig-Punkte-Programm "als Beitrag zum Abbau der Spannungen" vor. Erster Punkt war der Bau einer Straße von Seoul nach Pjöngjang. An zweiter Stelle stand die Aufnahme von Postverbindungen und die Familienzusammenführung. Die Vorschläge waren dem Maßnahmen-Katalog nachempfunden, mit dem Willy Brandt 1970 zu den gesamtdeutschen Gesprächen nach Erfurt und Kassel gereist war.

Traum von der Wiedervereinigung

Hier enden die deutsch-koreanischen Gemeinsamkeiten. "Was zwischen Bundesrepublik und DDR wirklich war – die Koreaner können nur davon träumen", schrieb Theo Sommer in der ZEIT nach einem Korea-Besuch im Jahre 1977. "Es gibt buchstäblich nichts: keinen Handel, keinen kleinen Grenzverkehr, keinen Besucheraustausch, nicht einmal Passierscheine zu Neujahr oder zum Erntemond, keinen Postverkehr, geschweige denn ständige Vertretungen."

Feindliche Brüder rücken sich näher

Sieben Jahre danach ist das alles immer noch genauso wahr. Nichts hat sich verändert. Die Koreaner träumen immer noch. Daß in der vergangenen Woche in dem Waffenstillstandsdorf Panmunjom zum erstenmal nach vier Jahren wieder Kontakte auf Regierungsebene stattfanden, in denen Handelsbeziehungen erörtert wurden; daß eben auch die 1977 abgebrochenen Rot-Kreuz-Gespräche über das Schicksal der im Koreakrieg getrennten Familien wieder aufgenommen worden sind; daß drittens Verhandlungen über eine gemeinsame Mannschaft für die Olympischen Spiele, die 1988 in Seoul stattfinden werden, geplant sind – das alles scheint im Ausland stimulierender zu wirken als bei den Südkoreanern. Skepsis überwiegt bei ihnen noch die Hoffnung. Zuversichtliche Erwartung hegen auch solche Gesprächspartner nicht, die sich von dem strammen Antikommunismus der offiziellen Regierungspolitik den Blick auf die Realitäten nicht haben trüben lassen.

"Dreißig Jahre lang hat Nordkorea keine Koexistenz gesucht", heißt es da, "wir haben unsere Zweifel an der jetzt demonstrierten Gesprächsbereitschaft. Die ,Befreiung des Südens’ hat der Norden ja keineswegs aufgegeben." Ein anderer: "Nordkorea muß seine Glaubwürdigkeit erst noch beweisen. Sie müssen zeigen, ob sie es ernst meinen. Das ist die wichtigste Frage, wenn die Gespräche vorwärtsgehen sollen." Und: "Nordkorea gleicht einem Krokodil mit aufgerissenem Maul. Es scheint zu lächeln, aber seine Kiefer können eine Falle sein, die über einem unvorsichtigen Passanten blitzschnell zusammenklappen."

Die abwehrenden Reaktionen der Südkoreaner sind verständlich, ihr Sicherheitstrauma gegenüber dem feindlichen Bruder im Norden ist durch eine seit über dreißig Jahren andauernde Konfrontation ohne Dialog wohl begründet. Die Überfälle aus dem Norden sind den Südkoreanern präsent wie Familiengedenktage. Der letzte war im Oktober 1983, der Bombenanschlag in Rangun, der dem Staatsbesuch des südkoreanischen Präsidenten Chun Doo Hwan galt und dem 17 Delegationsmitglieder zum Opfer fielen, darunter vier Minister. Für die Planung und Ausführung des Anschlags, dem der Präsident selber nur wie durch ein Wunder entging, machen die Südkoreaner inoffiziell den Sohn und vermutlichen Nachfolger des nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung verantwortlich.

Der Ruf Nordkoreas, eines der fanatischsten, militantesten und unberechenbarsten Regime zu sein, die unser Jahrhundert kennt, verfestigte sich nach diesem Anschlag aufs neue. Seltsamerweise ereignete er sich einen Tag, nachdem der nordkoreanische Außenminister – sieben Jahre hatte es gedauert, bis er wieder zur Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York erschien – die Ideen von Nord-Süd-Gesprächen ins Spiel gebracht hatte. Der Anschlag von Rangun machte die Hoffnungen auf einen Dialog zunichte. Aber Präsident Kim selber war es, der ausländischen Besuchern gegenüber nun mit einer "Diplomatie des Lächelns begann. Von ihm ging der Vorschlag zur Wiederaufnahme der Rot-Kreuz-Gespräche aus. Von ihm wurden auch die Handelsgespräche angeregt.

Gesten der Versöhnung

Was Kim Il-sung bewegen könnte, sein "Einsiedler-Königreich" nach fast vierzigjähriger Isolierung zu öffnen, ist in Seoul Gegenstand vieler Spekulationen. Einer der seriösesten Analytiker der Situation ist Kwon Sang Park, ein auch in den politischen Diskussionszirkeln des Westens angesehener Journalist. Er meint: "Erstens muß Kim Il-sung das Erbfolgeproblem lösen, das mit der Weitergabe der Macht an seinen Sohn Kim Chong-il verbunden ist. Das ist ein mühsamer und seit Jahren andauernder Prozeß. Zweitens muß Nordkorea mit seinen wirtschaftlichen Problemen fertig werden. Viele glauben, daß es dem Regime zunehmend Schwierigkeiten macht, an seinem straff zentralisierten Befehlssystem festzuhalten, das in fast 40 Jahren nicht ein einziges Mal überdacht und reformiert worden ist. Früher oder später muß Nordkorea sich entscheiden, ob es die Zügel lockert und die wirtschaftliche Kontrolle dezentralisiert. Damit würde es aus der Stagnation herauskommen. Aber gleichzeitig riskiert es damit, politische Kontrolle zu verlieren. Der dritte Problemkreis umfaßt die Beziehungen Nordkoreas zum Ausland, einschließlich Südkoreas."

Die erste "vertrauensbildende Maßnahme", zu der sich der Diktator in Pjöngjang im Verkehr mit den Machthabern in Seoul verstand, liegt noch keine zwei Monate zurück. Für die Opfer einer Überschwemmungskatastrophe im Süden bot er mildtätige Gaben (Reis, Kleidung, Medikamente, Zement) im Werte von zehn Millionen Mark an. Das war schon ungewöhnlich genug: Es handelte sich um die ersten Warenlieferungen über die Demarkationslinie seit dem Korea-Krieg. Als noch überraschender empfanden ausländische Beobachter jedoch, daß Seoul das Angebot auch annahm. Zwar ließen die Südkoreaner keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie die Gaben nicht nötig hatten – in den Zeitungen wurde auch die schlechte Qualität des Reises aus dem Norden nachdrücklich kritisiert –, aber sie akzeptierten die Gaben als "Geste der Versöhnung."

Feindliche Brüder rücken sich näher

War das "der erste kleine Schritt zur Eröffnung eines Dialogs zwischen den beiden Teilen des tragisch geteilten Landes" – wie der amerikanische Botschafter in Seoul hoffnungsvoll meinte? Südkorea fällt es offensichtlich schwer, die politischen Entspannungsübungen, die nun von ihm erwartet werden, flexibel mitzumachen. Auch Seoul hat in der Vergangenheit nicht auf Dialog, sondern auf Konfrontation gesetzt. Nur wollten die Südkoreaner die Überlegenheit ihres kapitalistischen Systems gegenüber dem kommunistischen Norden nicht durch militärische Gewalt beweisen, sondern durch die Überlegenheit ihrer Wirtschaft. Mit Disziplin, Fleiß und Ehrgeiz hat sich das Bauernvolk in nicht mehr als 25 Jahren fast ohne Übergang vom Agrarstaat zum modernen Industriestaat hochgeboxt. Heute bauen die Südkoreaner Autos und Schiffe, kochen Stahl und sind auf dem besten Wege, sich auch der modernen Technologien zu bemächtigen. Es gibt, so lautet eine Redensart in der asiatischen Geschäftswelt, nur ein einziges Volk, neben dem sogar die Japaner noch faul aussehen, das sind die Südkoreaner.

Nach den ökonomischen Erfolgen nahmen sie die Prestige-Projekte in Angriff. Nächstes Jahr werden Weltbank und Weltwänrungsfonds in Seoul tagen. 1988 sollen hier die Olympischen Spiele stattfinden. Das 100 000-Plätze-Stadion wurde bereits eingeweiht – vier Jahre, bevor die olympische Flamme in Seoul entzündet wird. Die Tatsachen wurden auch deshalb so schnell vollendet, weil Pjöngjang gemeinsam mit dem Ostblock noch versucht, Seoul als Austragungsort zu boykottieren.

Südkorea reagierte darauf mit dem Vorschlag einer gesamtkoreanischen Olympia-Mannschaft. Ist der Vorschlag ernst gemeint oder Propaganda? Choj Moon Hyun im Büro für den Süd-Nord-Dialog antwortet darauf mit verblüffender Offenheit: "Er appelliert an die nationalen Gefühle. Wenn er angenommen wird, betrifft er nur die Personen, die Sport treiben. Außerdem bessert er das Image Südkoreas in der Welt auf."

Die bittere Geschichte der geteilten Halbinsel macht Skepsis und Vorsicht verständlich. In Seoul mag niemand ernsthaft darüber spekulieren, ob die Kontakte zu Ergebnissen führen werden. Dazu ist der Gesprächsfaden, der jetzt angesponnen wird, noch viel zu dünn. Das Beste, was sich von ihm sagen läßt: Er ist noch nicht wieder abgerissen.