Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im November

Wenn am Sonntagvormittag in der DDR die Kirchenglocken läuten, folgt ihrer Einladung zum Gottesdienst stets nur eine kleine Schar Gläubige. Bei den Gottesdiensten zur Friedensdekade waren es zwar mehr, junge Menschen vor allem. Doch auch sie sind nur eine Minderheit in der Bevölkerung. Zum fünften Male hatten der Bund der Evangelischen Kirchen und die Evangelische Kirche in Deutschland die Gemeinden in beiden deutschen Staaten gemeinsam zu Bittgottesdiensten für den Frieden in der Welt aufgerufen, unter dem Thema "Leben gegen den Tod".

Die Ostberliner Gemeinden hatten sich zu dem Thema einiges einfallen lassen. Zum Beispiel referierten an einem Abend junge Leute in der Pankower Kirche über das Waldsterben in der Stadt. Dabei verblüffte es, wie sehr die, die sich im Schutz der Kirche für den Frieden engagieren, Ernst machen mit der eigenen Friedfertigkeit; daran ändert auch die Einschränkung nichts, daß diese Friedfertigkeit nicht angeboren, vielmehr nötig sein mag, um diesen Freiraum zu erhalten.

Da verlas ein junges Mädchen einen Katalog von elf Gründen für das Baumsterben in der Stadt; ein junger Mann zeigte dazu Dias von kränkelnden und toten Bäumen in der Prenzlauer Allee, einer vielbefahrenen Straße Ost-Berlins. Aber es folgten keine Anklagen an die staatlichen Stellen; es wurde vielmehr um Verständnis geworben für die Schwierigkeiten des Gartenamtes und überlegt, wie zu helfen sei. Es wurden konkrete Vorschläge gemacht: Wie man Pflegschaftsverträge, etwa für Vorgärten abschließen könne; wann und wo Bäume zu pflanzen seien, wo Muttererde bestellt werden kann, welche staatliche Stelle für die Bezahlung und welche für die Beratung zuständig ist.

In den Seitenräumen der Bartholomäus-Kirche war täglich das "Anti-Kriegs-Museum" geöffnet, das an die Tradition der gleichnamigen Berliner Ausstellung von 1923 bis 1933 anknüpft. Gezeigt wurden Photos von hungernden Kindern aus der Dritten Welt, von Opfern der letzten Kriege, vom zerstörten Dresden. Als Ausgleich zu solcher Hoffnungslosigkeit Aufnahmen alltäglicher Menschen von Henri Cartier-Bresson und Gesichter aufgenommen von Paul Strand, erklärt durch ein Zitat von ihm: "Es gibt eine Menge Leute auf der Erde, die ich überhaupt nicht photographieren will. Ich will Leute photographieren, die Kraft und Würde in ihren Gesichtern haben, was das Leben ihnen auch angetan hat, es hat sie nicht zerstört." Das Museum baut eine Friedensbibliothek auf mit Büchern von Gandhi und Schweitzer, Bonnhöfer und Korczac, Pliviers "Stalingrad" und Christa Wolffs "Kassandra".