Von Hans J. Haferkorn

Seit der bürgerlichen Aufklärung, die an Frieden und Wohlfahrt dachte, und seit die Französische Revolution die allgemeine Wehrpflicht mit sich brachte, hat sich ein schier unlösbares Problem ständig, weiter entfaltet: das Verhältnis von Militär und Erziehung. Daß es noch strittig ist, konnte 1983 beobachtet werden, als sich die Kultusminister nicht auf eine gemeinsame Empfehlung zur unterrichtlichen Behandlung des Themas "Friedenssicherung in Europa" zu einigen vermochten. Die SPD-Länder beabsichtigen eine "Friedenserziehung in der Schule", während die CDU-Länder "Friedenssicherung und Bundeswehr im Unterricht" behandelt wissen wollten. – Vor diesem Hintergrund liest sich die Arbeit von

Heinz Lemmermann: "Kriegserziehung im Kaiserreich. Studien zur politischen Funktion von Schule und Schulmusik 1890–1918", Bd. 1: Darstellung, Bd. 2: Dokumentation; Eres Edition, Lilienthal/Bremen 1984, 930 S.; 78,– DM

wie ein Lehrstück. Sie führt den Leser zu der Einsicht, daß der von Clausewitz postulierte Primat der Politik über alles Militärische mit Hilfe kriegserzieherischer Maßnahmen in der Zeit zwischen 1890 und 1914 entschieden ausgehöhlt wurde.

Die Umschlagbilder der Bände sprechen für sich. Das eine zeigt zwei wehrhaft mit Trompete, Schwert, Gewehr, Säbel und Helm marschierende Knirpse, die fröhlich singend Fahnen tragen. Über den Gesang informiert das andere: Die Text- und Notenwiedergabe von "Heil dir, o Hindenburg". Das Lied fordert den Generalfeldmarschall auf, "schieß alle Russen tot" und ermuntert die Kinder, die unter die Soldaten wollen, lernend seinem Beispiel zu folgen. Daß sie dies 1914 als Jünglinge freiwillig taten, war vor allem das Ergebnis einer seit 1890 über die Schulen betriebenen Militarisierung der Gesellschaft.

Wenige Monate nach Bismarcks Entlassung erklärte der gerade 30jährige Wilhelm II.: "Ich suche nach Soldaten, wir wollen eine kräftige Generation haben." Um diese Intention zu verwirklichen, hatte er schon 1889 eine einschlägige Schulkonferenz angeordnet. Diese Konferenz, deren Geschichte Lemmermann mit einer Fülle zum Teil neu erschlossener Quellen nachzeichnet und do-Geschichte beschloß im Dezember 1890 die von den Schulen zu exekutierende Wehrerziehung. Die entsprechenden Lehrpläne folgten dann 1891. Unter dem Geleit des 1899 gegründeten und pädagogisch einflußreichen "Ausschuß für die Förderung der Wehrkraft durch Erziehung" wurden diese Aktivitäten noch zusätzlich verstärkt. "Unser Volk", so formulierte ein Gymnasialprofessor, "muß in erster Linie zur Tapferkeit erzogen werden, auf daß der einzelne mutig in den Krieg zieht."

Rabiater äußerte sich der Generalstäbler, der Reorganisator der türkischen Armee, der Kanzlerkandidat des Jahres 1909 und spätere Feldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz. Als maßgebliches Mitglied jenes Wehrkraftförderungsausschusses erklärte er: "Leicht trennt sich nur die Jugend vom Leben ... Die Sehnsucht nach Erlebnissen macht sie kriegslustig ... Sie tritt mit Freude und Sorglosigkeit in den Kampf, die beide zu der blutigen Arbeit notwendig sind." Daß von der Goltz den Gedanken des Präventivkrieges gegen Rußland und seit 1900 auch gegen England erörtert hat und – so Fritz Fischer – zahlreiche Anhänger damit fand, bestätigt nachdrücklich die zentrale These Lemmermanns, daß – und mit welcher Bedenkenlosigkeit – führende Militärs bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg Einfluß auf Erziehung und Politik nahmen.