Von Jörg Wigand

Wie geht das Kamel durchs Nadelöhr? Wie können sich Jungfamilien mit nicht mehr als 37 000 Mark Jahresverdienst und so gut wie keinem Geld auf der hohen Kante den Traum der meisten Deutschen erfüllen – ein Eigenheim, wenn möglich im Grünen, am liebsten mit Garten?

Organisierte Gruppenselbsthilfe heißt die Antwort, "Rückbesinnung auf alte Tugenden der dreißiger und fünfziger Jahre", wie es Helmut Feußner formuliert, Geschäftsführer der "Hessischen Heimstätte", die jetzt im Kasseler Stadtteil Philippinenhof die ersten 16 eines auf 48 Häuser angelegten Projekts ihrer Bestimmung übergab.

Das Rezept, bargeldlose, lohnsteuerpflichtige Bürger, die unter die Einkommensgrenze des sozialen Wohnungsbaus fallen, zu Besitzern von schmucken Eigenhäusern zu machen, ist so simpel wie überzeugend: Arbeitskraft ersetzt fehlendes Kapital – "Muskelhypothek" anstatt Eigenmittel! Am Beispiel des verheirateten 31 jährigen Schriftsetzers Klaus-Dieter Herbst läßt sich das Modell, nach dem zur Zeit in der Bundesrepublik etwa dreihundert Häuser entstehen, exemplifizieren: "Gespart hatte ich gerade tausend Mark. Als ich die Anzeige in der Zeitung las, begriff ich sofort: Das ist die einzige Chance meines Lebens, Hausbesitzer zu werden."

Mit fünfzehn anderen, meist ebenfalls jungen Männern schloß der bei der Kasseler Lokalzeitung beschäftige Herbst einen sogenannten "Gesellschaftsvertrag für Selbsthelfer". Damit regelten die Siedler alle Fragen der Zusammenarbeit und der Arbeitszeit. Nach Feierabend, meist zwischen 16 und 22 Uhr, samstags und im Urlaub zog die Gruppe dann jene Häuser hoch, die seit dem 20. Oktober bewohnt werden. Angeleitet wurden die Männer von einem Bauleiter der "Hessischen Heimstätte".

Ingesamt zweitausend Stunden – 110 Stunden im Monat – mauerte, hämmerte, sägte und schleppte Klaus-Dieter Herbst in seiner Gruppe und für seine Gruppe nach dem Motto "einer für alle, alle für einen". Der körperlich eher schmächtige junge Schriftsetzer, dem noch Wochen nach dem Einzug die ungewohnt schwere Arbeit in den Knochen steckte, resümiert: "Zweifellos waren das die härtesten 18 Monate meines Lebens. Ständig hatte ich Muskelkater, und der völlige Verzicht auf Freizeit ließ mich manchmal verzweifeln. Vor allem meinem fünfjährigen Sohn gegenüber hatte ich anderthalb Jahre ein schlechtes Gewissen. Denn ihn mußte ich total vernachlässigen, um auf der Baustelle mein Soll zu erfüllen. Noch einmal würde ich das nicht durchhalten."

Auch Diplom-Ingenieur Feußner, der die erste organisierte Gruppenselbsthilfe nach dem Krieg in Hessen organisierte, verkennt die Schwierigkeiten nicht, über eine lange Zeitperiode nach einem vollen Arbeitstag noch einmal sechs Stunden auf dem Bau zu malochen: "Für Leute mit zwei linken Händen und schwacher Konstitution ist das sicherlich nichts." Überrascht zeigte sich der "Teamchef" über den sich sehr schnell entwickelnden Gemeinsinn der Gruppe, in der sich Männer verschiedenster Herkunft und Bildung befanden. Das gemeinsame Ziel freilich einte die Kolonne, die sich aus einem Polizisten, einem Computer-Fachmann, einem Feuerwehrmann, einem Lokomotivführer, Hilfsarbeitern, kaufmännischen Angestellten, Handwerkern und Beamten zusammensetzte. Solidarität beflügelte die Gruppe derart, daß sie schließlich ein halbes Jahr unter der errechneten Bauzeit blieb.