Wenn ich aufstehe des Morgens, so hat mich dein Bild erweckt, wenn ich mich schlafen lege, so wiegt mich dein Bild in Träume. Wenn ich alle meine Sinne vor dir zuschließe, du lebst noch im dunklen Bewußtsein. Wenn du mein wärst, welche Reihe von glücklichen Winterabenden! Ich würde dich die südlichen Sprachen lehren, dein schöner Geist erfaßte sie leicht. Kein Geheimnis würde zwischen uns obwalten. Wer möchte ein Eigentum haben, wenn er liebt, ein Geheimnis wenn er geliebt wird?

Ich komme aus einem Konzert zurück; o wäre ich nie dort gewesen. Ich sah dich; ja, mein Gewand berührte das deine; aber du sahst mich nicht. Du hast mich nicht betrachtet. Mit welcher Gleichgültigkeit, mit welcher Verächtlichkeit flogen deine Blicke an mir vorbei! – Und dabei alle diese Töne! Musik und Liebe vereint sind unwiderstehliche Götter. Was sollte zur Raserei führen, wenn es nicht der Gedanke ist, daß das nimmer und nimmer geschehen kann, wofür wir tausend Tode mit Freuden litten, worauf die ganze Blume unserer Seligkeit mit Millionen von Fasern wurzelt?

Mit eigenen Händen wühl’ ich mir mühsam, langsam mein Grab auf. Aber so sei’s geschworen: Findet mich die Neujahrsnacht, sie ist nicht mehr ferne –, trifft sie mich noch in diesem trostlosen Zustande, so sei sie meine letzte Nacht. Dann öffne ich mir die eigenen Adern, daß der Hahnenruf mich nicht mehr wecke; daß sie mich finden im Blut." Das schreibt der 22jährige Student der Universität Würzburg am 10. Dezember 1818 in sein Tagebuch. Goethe wird von ihm äußern: "Es ist nicht zu leugnen – er besitzt manche glänzende Eigenschaften; allein ihm fehlt – die Liebe. Er liebt so wenig seine Mitpoeten als sich selber, und so kommt man in den Fall, auch auf ihn den Spruch des Apostels anzuwenden: Und wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle."

Ein Fehlurteil, das im Kern bereits alle Vorurteile enthält, die auch die Äußerungen eines Heine und eines Thomas Mann aufweisen. Homosexualität galt dem Geheimrat als mephistophelisch. Platen durfte der Liebe nicht haben. Talent wurde ihm gegönnt. Das Negative hatte er, bitte, zu lieben. Noch am 14. März 1830 äußerte Goethe zu Eckermann: "Nein, ein Begabter und ein Talent verfolgt das andre; Platen ärgert Heine, und Heine Platen, und jeder versucht den anderen schlecht und verhaßt zu machen."

Ging es um "ärgern"? Eine Analyse der Feindschaft Heine – Platen soll hier nicht wiederholt werden; Hans Mayer hat sie in "Außenseiter" durchgeführt. Erinnert sei immerhin an den Selbsthaß, mit dem der Jude und der Homosexuelle sich gegenüberstanden: Schwulität kreidet ja nicht nur Heine Platen an, sondern Platen geifert über Heines Freund Immermann als "schwulsteinpöklerische(n) Musensohn". Platen insinuiert die Küsse von Verliebten zwischen Immermann und Heine im "Romantischen Ödipus", während Heine, nicht Platen, in den "Bädern von Lucca" achtmal die große Nase des Juden anprangert, Heine spricht von Mischlingen, Heines Jude Gumpelino kann die Liebesnacht mit Lady Maxfield nicht durchstehen, weil er vom Glaubersalz abgezogen wird: "Statt des Kelches mit Nektar ein Glas mit Glaubersalz – statt des Thrones der Liebe harrt jetzt der Stuhl der Nacht."

Deutsche Literaten!

Anale Regression: Nicht nur in den "Bädern von Lucca" und im "Wintermärchen" Heines – auch in Platens "Romantischem Ödipus", das schlechte Gewissen schlägt um in eine scatologische Selbstparodie.