New Yorker Neurotiker

"Café New York" von Henry Jaglom. Sommer in Manhattan: belebte Straßen und Parks, hupende Autos, eine kleine Band, die fröhlich ein altes amerikanisches Volkslied spielt: "Can she bake a cherry pie?" (so lautet auch der Orginaltitel). Zee (Karen Black) sieht von all dem nichts. Sie irrt durch Straßen und Parks, in Gedanken versunken und in Selbstmitleid getaucht, weil ihr Ehemann sie verlassen hat. Im Café New York sieht der Zuschauer dann die verstörte Zee in Nahaufnahme. Tränen fließen. Aber ein Gefühl von Mitleid kommt gar nicht erst auf, weil der aus England stammende Regisseur Henry Jaglom keine tränenseligsentimentale Liebesgeschichte erzählt, sondern die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Menschen, die davon erst einmal gar nichts wissen wollen und die viel Situations- und Dialogkomik enthält. Im Café New York lernt Zee, nachdem sie die Speisekarte rauf- und runterbestellt hat und dann doch nur einen Kaffee nimmt, den eher unscheinbaren, schon länger von Frau und Tochter verlassenen Eli (Michael Emil) kennen. New York gebiert – will man Woody Allen und jetzt Henry Jaglom glauben – Stadtneurotiker. Das sind auch Zee und Eli, jeder auf seine unverwechselbare Weise: Zee ist voller leiser und lauter Emotionen. Sie traut ihren Sinnen mehr als ihrem Kopf. Eli, introvertiert, pedantisch, mit Hang zu fernöstlichem Kampfsport, sucht selbst die Liebe wissenschaftlich zu erforschen. Anlaß für vehemente Auseinandersetzungen zwischen Zee und Eli gibt es genug. Jaglom jedoch ist hoffnungsvoll und entläßt sein Publikum nach einem milde-abgeklärten Happy-End in die Realität. Anne Frederiksen

Der Film zur Pizza

"Kleiner Spinner" von Gérard Lauzier. Wer Lauziers munteren Comic "Kleiner Spinner" (Volksverlag, Linden, 12,80 DM) kennt, wird von der Filmversion des Autors enttäuscht sein. Die anderen erwartet eine filmische Kleinigkeit, die man sich zwischen Pizza und den weiteren Vergnügungen des Samstagabends durchaus gefahrlos reintun kann. Echt ey, reintun, das ist schon mal das erste, das dem Kinogeher hier aufstößt: die bis ins unfreiwillig Selbstparodistische aufmontierte Szene-Sprache des Films, vielleicht ein Synchronisationsvergehen? Und das zweite: die haarsträubendste Fehlbesetzung seit Depardieus Danton-Verhunzung. Man stelle sich vor: Michel Choupon, ein intellektueller, mit Weltgeist und eigenem Körper hadernder und entsprechend schüchterner Oberschüler aus gutem Pariser Haus – also ein "eingebildeter, verklemmter bösartiger kleiner Spinner", wie ihn eine Freundin des Vaters so treffend charakterisiert – dargestellt von einem sonnigen Fußball-Linksaußen, der für Margarine Reklame schwimmen könnte. Also das haut schon mal gar nicht hin. Bieder-lustig, eben "ganz witzig", hüpft die Handlung dahin, ein wenig 68er-Satire, ein wenig ZDF-Problemfilm: Pygmalion Choupon versucht Salima für sich zu gewinnen, die dunkelhäutige Schönheit aus dem Slum, sie "zu sich emporzuziehen", was gründlich mißlingt. Kaum ist ihr Freund aus dem Knast zurück, gibt sie ihm schnöde den Laufpaß. Auch bei seinen Freunden, den Ex-68ern, zu denen er nach einem tüchtigen Krach mit seinen Eltern geflüchtet war, gibt es nur Verdruß – "Illusions perdues". So etwas hätte das werden können, ein konventionelles Komödchen wurde es. Ab 16 bis 20. Benedikt Erenz

Ohne Narkose

"Der Tierfilm" von Victor Schonfeld und Miriam Alaux. Zweieinviertel Stunden lang Grausamkeiten begangen bei Treibjagden, in der Massentierhaltung, an Haustieren und schließlich an den Versuchstieren der medizinischen und der Kosmetikindustrie. Wie ein roter Faden zieht sich ein Wort durch den ganzen Film, Antrieb und Ursache für das -zigmillionenfache Leiden von Tieren in aller Welt: Profit. Zahlen prasseln nieder, es ist unüberschaubar und macht gleichzeitig klar, wie umfassend das Problem ist: jährlich werden allein in New York 60 000 ausgesetzte Haustiere eingefangen und getötet, täglich in den USA 360 000 Schweine zum Verzehr geschlachtet, von denen die Hälfte aus Tierfabriken kommt, jährlich werden weltweit 300 Millionen Tiere in Versuchslabors getötet, 80 bis 90 Prozent aller Laborversuche werden ohne Narkose durchgeführt... Auch die Gegner kommen zu Wort: Tierschützer, Versuchstierbefreiungsgruppen, ein ehemaliger US-Navy-Verhaltensforscher. Sie nennen mögliche Alternativen, wie zum Beispiel den Austausch der Forschungsergebnisse oder gesetzliche Verbote. Die moralische Grenze zu setzen, wo der Ernst beginnt, der Tierqualen rechtfertigt, ist ein hochkomplexes Problem. Der leidenschaftliche "Tierfilm" macht es sich da oft etwas einfach. Bodo Zoege

Sehenswerte Filme

"Broadway Danny Rose" von Woody Allen. "Picasso" von Henri-Georges Clouzot. "Schiff der Träume" von Federico Fellini. "Rembetico" von Costas Ferris. "Trost" von Serif Gören. "Stranger than Paradise" von Jim Jarmusch. "Das Autogramm" von Peter Lilienthal.