Indiens neuer Premierminister Rajiv Gandhi hat eine erste Bewährungsprobe bestanden: Die schweren Unruhen sind vorbei. Jetzt hat er zum ersten Mal gesagt, wie er sich seine zukünftige Politik vorstellt.

Einige hundert, möglicherweise einige tausend Sikhs sind in den ersten Tagen nach dem Mord an Indira Gandhi von fanatischen Hindus umgebracht worden. Dennoch ist. der befürchtete Bürgerkrieg ausgeblieben. Niemand kann allerdings sagen, wie lange die Ruhe in dem riesigen Land mit seinen zahlreichen Volksgruppen anhalten wird. In Delhi heißt es, das Attentat auf schon sei von Sikh-Extremisten schon lange vor dem Sturm der Armee auf den heiligen Tempel der Sikhs geplant worden.

Rajiv Gandhi braucht Frieden im Land. Er hat eine Untersuchung der Massaker angeordnet und den Sikhs eine Entschädigung angeboten. Für den 24. Dezember hat er Neuwahlen angesetzt, bei denen er sich die Legitimation für sein Amt und seine Politik holen will. Ein Sympathie-Bonus ist ihm vorerst noch wegen des gewaltsamen Todes seiner Mutter sicher.

Nicht zuletzt wegen dieses Bonus unterscheidet sich seine Politik auf den ersten Blick kaum von der Indiras. In einer Grundsatzrede, übertragen in Fernsehen und Rundfunk, fielen die altbekannten Stichworte: Blockfreiheit, Freundschaft mit der Sowjetunion, eher kühle Zusammenarbeit mit den USA. Die Geburtenkontrolle soll schnell vorangetrieben, die Erziehungspolitik reformiert, die Lage der Armen verbessert werden – selbstverständliche Ziele, dennoch schwer zu verwirklichen.

Neu sind Rajivs Aussagen zur Wirtschaftspolitik. Zwar bekennt er sich zu den "Prinzipien des Sozialismus" – eines Mischsozialismus, in dem Privatbetriebe und staatliche Industrie nebeneinander existieren. Aber zugleich fordert er "ständige Modernisierung". Rajiv hat sich in der kurzen Zeit seiner bisherigen politischen Laufbahn einen Stab von Beratern zugelegt, die als "Computer-Boys" bekannt sind. Sie träumen davon, Indien auf einen ähnlichen Kurs zu bringen wie Südkorea, Singapur oder das neue China: mehr Kapitalismus, mehr moderne Technik, weniger sozialistische Ideologie.

Ob freilich in einem Land mit 800 Millionen Einwohnern möglich ist, was im kleinen Singapur Erfolg hatte, ist alles andere als sicher. Die volkswirtschaftlichen Daten sind nicht schlecht – acht Prozent Wachstum, eine gute Ernte und ein Industriewachstum von 50 Prozent in den letzten zehn Jahren. Aber der Reichtum landet in den Taschen weniger, und die Bevölkerung wächst jedes Jahr um zwölf Millionen Menschen.

Rajiv Gandhi wird sich wohl zunächst nicht mit ehrgeizigen Modernisierungsplänen beschäftigen können, sondern etliche alte Probleme angehen müssen: die wuchernde Korruption zum Beispiel, die sozialen Ungleichheiten und vor allem die Unabhängigkeitsgelüste jener Volksgruppen, die sich wie die Sikhs von der Regierung in Neu-Delhi unterdrückt fühlen. Robert Birnbaum