Von Burkhard Kieker

Oberleutnant Joachim Ludwig, 29 Jahre alt, war lange Jahre ein vorbildlicher, untadeliger Offizier: glänzender Abschluß der Offiziersschule, dann ein Studium mit Prädikatsexamen. Auch als Zugführer in der Truppe bekam er gute Beurteilungen. "Sie werden einmal einen brauchbaren Kompaniechef abgeben", lobte ihn sein Hauptmann im Panzerbataillon 123.

Anfang 1982 jedoch sorgte Ludwig für Wirbel in seiner Einheit. Da nämlich war der bärtige Oberleutnant überall im oberpfälzischen Amberg auf Wahlplakaten zu sehen – als Direktkandidat der Grünen für die bayerischen Landtagswahlen.

Damit paßte der Nachwuchsoffizier so gar nicht mehr in die politische Vorstellungswelt seines Bataillonskommandeurs und vieler seiner Kameraden. "Wenn Sie die Politik dieser Partei vertreten, müssen Sie Ihre Uniform an den Nagel hängen", forderte der Chef; andere Kameraden mieden den suspekten grünen Offizier von Stund an.

Zwar garantiert das Gesetz "Staatsbürgern in Uniform" das passive Wahlrecht (acht Berufssoldaten sind im Bundestag vertreten), Oberleutnant Ludwig aber hatte sich offenbar die falsche Partei ausgesucht. "Hält im Kameradenkreis mit Zweifeln an der prinzipiellen Richtigkeit offizieller sicherheitspolitischer Richtlinien nicht zurück und schränkt dadurch seine Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft als Vorgesetzter ein", schrieb Bataillonskommandeur Klaus Holländer im Januar 1983 auf den Beurteilungsbogen seines Untergebenen und brachte damit einen jähen Knick in dessen bisher so geradlinige Karriere. Zwar habe er nicht in der Kaserne agitiert, räumte Holländer dem Oberleutnant ein; es sei einfach sein Auftreten als Direktkandidat der Grünen gewesen, das seine Kameraden verunsichert habe.

Daß er mit einer Kandidatur für eine demokratische Partei seine Dienstpflichten verletzt haben sollte, wollte Ludwig nicht einleuchten. Er beantragte ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst und bekam – nach einigem Fingerhakeln mit vorgesetzten Kommandostellen – sein Recht. Der Divisionskommandeur korrigierte die vernichtende Beurteilung des Bataillonschefs: Zwar bestehe grundsätzlich die Gefahr eines Loyalitätskonflikts zwischen dem Soldaten Ludwig und dem Grünen Ludwig; sein Bekenntnis zur Verteidigung sei aber glaubhaft, die Eignung zum Vorgesetzten nicht eingeschränkt.

Die Freude des Oberleutnants über soviel praktizierte Innere Führung war allerdings verfrüht. "In meiner Brigade wird es keinen grünen Kompaniechef geben", verkündete Oberst Reinhard Uhle-Wettler unverblümt und machte damit klar, wo für ihn ohne Rücksicht auf die Grundrechte des Soldaten die Liberalität aufhört. Auch für den unmittelbaren Vorgesetzten, Oberstleutnant Holländer, begann die Offensive gegen den grünen Abweichler nun erst richtig. Die nächste Runde wurde im "heißen Herbst" 1983 eingeläutet. Joachim Ludwigs Name stand als einer der ersten unter dem "Darmstädter Signal", einer öffentlichen Erklärung, mit der eine Reihe von Offizieren von der atomaren Nachrüstung abrückten. Nicht lange danach hieß es für den grünen Oberleutnant "Stillgestanden!" Vor dem versammelten Offizierskorps des Panzerbataillons erteilte Holländer einen strengen Verweis. Begründung: Ludwig habe einen befreundeten Offizier auf dem Kasernengelände für das "Darmstädter Signal" geworben und somit gegen das Soldatengesetz verstoßen.