Die stillste Zeit des Jahres ist in Österreich diesmal ernsthaft in Gefahr. Das Wetter in der Alpenrepublik ist zwar schon sehr kühl, aber die Stimmung erhitzt sich von Tag zu Tag, sogar der Weihnachtsfriede scheint gefährdet. Tausende Demonstranten werden mit Sonderzügen und Bussen nach Salzburg reisen, um dort zu protestieren, so wurde angedroht. Der Präsident des Osterreichischen Gewerkschaftsbundes, Anton Benya, hat zu einem nationalen Boykott aufgerufen.

Es geht um den 8. Dezember, um das Fest Mariä Empfängnis, das der katholischen Kirche in Österreich immer schon heilig war, aber das, wie sich jetzt zeigt, auch der Sozialistischen Partei Österreichs, der SPÖ, sehr am Herzen liegt. Es stellt sich die unglückliche Frage, ob an diesem Tag, der ein gesetzlicher Feiertag ist und der 1984 unseligerweise auf einen Samstag fällt, die Geschäfte offenhalten dürfen oder nicht. Ein tiefer Glaubenskrieg teilt das Land. Hauptschauplatz des Zwistes ist das Bundesland Salzburg.

Zwei Traditionen prallen aufeinander: Die Kaufleute sind gewohnt, an den vier Samstagen vor Weihnachten ihre Geschäfte bis zum Abend offenhalten zu dürfen. Aufrührerische Geschäftsleute aus den Bundesländern Salzburg, Oberösterreich und Vorarlberg faßten daher den Vorsatz, ihre Geschäfte nun auch am 8. Dezember aufzusperren, in den übrigen Bundesländern mochte niemand an der Feiertagsruhe rütteln.

Den aufmüpfigen Geschäftsleuten steht eine Allianz, getragen von Prinzipien und Tradition, entgegen: die Gewerkschaften und die Kirche. Die Gewerkschaft der rund 270 000 Handelsangestellten agiert nach dem Prinzip: "Wehret den Anfängen." Eine Feiertagsruhe, die einmal gebrochen würde, ist nach ihrer Einschätzung der Anfang vom Ende aller Arbeitnehmerrechte. Diese Art von Fortschritt will Sozialminister Dallinger, der als Gewerkschafter zugleich für die Handelsangestellten zuständig ist, aufs heftigste bekämpfen. Die Kirche pocht auf ihre Verträge mit dem österreichischen Staat und will auch nicht einsehen, warum die Menschen Anno 1984 Schicksal spielen müssen.

Das Übel kommt aus dem Ausland, aus dem Westen. Die Herzen der Kaufleute in den westlichen Bundesländern Österreichs sind nur deshalb von Neid und Sorge vergiftet, weil in Bayern und in der Schweiz, ja sogar in Italien, der 8. Dezember nicht als gesetzlicher Feiertag gilt. Dort bleiben an diesem Tag die Geschäfte offen. Die Kaufleute im Westen Österreichs fürchten daher, daß ihre Kunden an diesem Tag mit den frisch ausgezahlten Weihnachtsgehältern ins Ausland pilgern. Österreichs Zöllner sehen sich außerstande, solche Ausflüge durch ernsthafte Kontrollen zu unterbinden.

Die besorgten Händler aus Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich wollten es an diesem 8. Dezember daher mit Schicksal, Gewerkschaften und Kirche gleichzeitig aufnehmen. Erstmals forderten sie, auch an Mariä Empfängnis ihre Geschäfte offenzuhalten. Die Landeshauptleute der drei Länder – sie sind sämtlich "schwarz", also von der Österreichischen Volkspartei, der ÖVP, dominiert, besannen sich der Möglichkeit, die Ladenschlußzeiten "per Verordnung" regeln zu können. Ist "regionaler Bedarf" gegeben, so besagt eine Vorschrift, können die Landeshauptleute abweichend von der allgemeinen Ordnung eigene Öffnungszeiten festlegen.

Dieses Vorhaben freilich entfachte einen wahren Proteststurm der "Roten", der SPÖ-beherrschten Gewerkschaften, und es entbrannte ein Rechtsstreit zwischen den Politikern, was ein Landeshauptmann darf und was nicht, speziell darüber, was "regionaler Bedarf" bedeutet. Die Landeshauptleute von Vorarlberg und Oberösterreich gaben angesichts der Streikdrohungen klein bei. Nur Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer blieb vorerst seinem Vorsatz treu. Nicht einmal der Aufruf von Gewerkschaftschef Benya, die geöffneten Geschäfte zu boykottieren, konnte ihn bisher zur Umkehr bewegen.