Von Carl Friedrich v. Weizsäcker

Paul Adrien Maurice Dirac ist am 20. Oktober 1984, 82jährig, in seinem Alterswohnsitz in Florida gestorben. Eine kurze Agenturmeldung berichtete von seinem Tod. In der Woche, in der uns alle zu Recht der Tod der großen Indira Gandhi und des Märtyrers Popieluszko bewegte – wer hat die Notiz von Diracs Tod wahrgenommen? Aber ohnehin: Wer hätte heute gewußt, was für ein Mann es war, der unser dem Katarakt zuströmendes Leben verlassen hat?

Dirac gehörte zu jenen Gelehrten, deren Ruhm unter den Fachleuten viel größer ist als im Publikum – ein bescheidener, sehr nobler Typ. Sollte ich die vier größten theoretischen Physiker unseres Jahrhunderts aufzählen, so würde ich Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg und Dirac nennen. Als ich im Mai 1928, selbst noch Schüler, den damals 26jährigen Werner Heisenberg besuchte, der in den drei vorangegangenen Jahren die Quantenmechanik und die Unbestimmtheitsrelation entdeckt hatte, sagte er mir, nur halb im Scherz: "Ich glaub’, ich muß mit der Physik aufhören. Da ist so ein junger Engländer gekommen, Dirac heißt er, der ist so gescheit – mit dem um die Wette zu arbeiten, ist aussichtslos."

Heisenbergs Äußerung bezog sich auf die relativistische Wellengleichung des Elektrons, die Dirac soeben gefunden hatte. Diese Gleichung bot an einem Beispiel – eben dem einzelnen Elektron – den ersten mathematisch sauberen Beweis dafür, daß die Forderungen der speziellen Relativitätstheorie und der Quantentheorie miteinander logisch vereinbar sind. Sie erklärte zugleich den kurz zuvor aus empirischen Gründen vermuteten sogenannten "Spin" des Elektrons als notwendige Konsequenz dieser Vereinbarkeit.

Indem ich versuche, diese berühmteste Entdeckung Diracs zu beschreiben, gerate ich in das Problem, sie dem Nichtfachmann verständlich zu machen. Anders als Einstein, Bohr und Heisenberg hat Dirac nicht versucht, seine Gedanken durch allgemeinverständliche Schriften zu erläutern, und vermied er, der mathematisch präzise Denker, die Vagheiten der philosophischen Deutung. Ehe ich ein kurzes Resümee der Inhalte seines Werks gebe, sollte ich versuchen, den Stil seiner Person und seiner Arbeit zu schildern.

Er war ein etwas über Mittelmaß gewachsener, schmächtiger, leiser Mann. Eine breite, gerade Stirn, in präzisem Winkel von ihr abgesetzt eine gerade Nase, kluge, etwas träumende Augen, ein gerades Kinn, über dem Mund ein kleines, englisches Schnurrbärtchen. Er war schweigsam. Fragte man ihn, so dachte er eine Weile nach und gab mit freundlicher, ruhiger Stimme die kürzeste mögliche genaue Antwort. Dann schwieg er wieder.

Ähnlich war der Stil seiner Arbeit. Er formulierte gelegentlich als methodisches Prinzip: "Man muß die Schwierigkeiten trennen und eine nach der anderen behandeln." Dies war der Gegensatz zum Bohrschen Typus des Denkens, in dem alles mit allem zusammenhing. Dirac, der Bohr sehr bewunderte, fragte einmal Heisenberg: "Glauben Sie nicht, daß Bohr ein guter Dichter geworden wäre?" Auf die erstaunte Frage: "Warum?" antwortete Dirac: "Weil es in der Dichtung nützlich ist, die Worte ungenau zu gebrauchen."