Von Rolf Michaelis

Der Mann, den wir auf dem Bild dieser Seite am Tisch sitzend, über Bücher gebeugt sehen, ist der Bibliothekar des Kurfürsten in Kassel, Jacob Grimm, gemalt am 18. November 1817 von dem jüngeren Bruder Ludwig Emil. "Jacob ... beugte sich beim Schreiben dicht auf das Papier, an seinen Federn war die Fahne tief herunter abgeknappst, und er schrieb rasch und eifrig." So erzählt Jacobs Neffe Hermann, der Sohn von Wilhelm Grimm, und fährt fort: "Mein Vater ließ die Fahne der Feder bis zur Spitze unvermindert stehen und schrieb bedächtiger."

Eifrig waren und schrieben beide, die wir als "die Brüder Grimm" kennen. Den "raschen" Jacob, den "bedächtigeren" Wilhelm können wir noch kennenlernen in dem – neben den "Kinder- und Hausmärchen" anderen – großen gemeinsamen Werk der Brüder aus Hanau, ihrem "Deutschen Wörterbuch". In der berühmten Vorrede zum ersten Band (1854) erinnert sich der ein Jahr ältere Jacob: "als der anfang des werks bevorstand, sagte ich zu Wilhelm: ‚ich will A nehmen, nimm du B.‘ – ‚das kommt mir zu bald‘, versetzte er, ‚lasz mich mit D beginnen.‘ dies schien höchst passend." Und so haben wir von Jacobs Hand die Beiträge über die Buchstaben A, C, E und Teile von F, von Wilhelm "nur" den Buchstaben D, der im zweiten Band des gigantischen Werks die Spalten 641 bis 1776 füllt.

Diesen zweiten Band (1860) eröffnet Jacobs Vorrede mit diesen Worten: "Es hätte meinem bruder zugestanden an der spitze dieses bandes, dessen grösztes stück von ihm herrührt, den blick rückwärts zu wenden und sich über mehr als einen der hier die vielseitigste erwägung fordernden gegenstände mit aufmerksamer anmut, wie sie ihm eigen war, auszusprechen, trauernd um seinen hingang musz ich es sein, der wieder vortritt und das wort ergreift... Er arbeitete langsam und leise, aber rein und sauber ..." Wilhelm war am 16. Dezember 1859 gestorben.

Im vierten Band, der 1878 im Verlag von S. Hirzel in Leipzig erscheinen konnte und die Wörter von "forschel" bis "gefolgsmann" sammelt, findet sich die einzige Fußnote in diesem 35-Tausend-Seiten-Werk – und das ist in seiner Geringfügigkeit eines der rührendsten Denkmäler in der Geschichte der deutschen Literatur.

Eben hat der Leser, mit Vergnügen, gelernt, mit welcher Kenntnis nicht nur der Sprache und ihrer Geschichte Jacob Grimm das Wort "froteufel" erklärt; erst folgt, in Schrägschrift, die Zuordnung zum Sprachgeschlecht: "m." für "masculinum", dann die Erklärung durch die lateinische Entsprechung: "daemon"; dann lesen wir, was Jacob mit dem Gänsekiel notiert: "von den runden verbranten kreisen im grase haltet man in unsren landen gmeinlich dafür, das seien der hexen und hexenmeister oder auch kleiner froteufeln und bergmännlein danzplätze ... froteufel steht für fronteufel. .. entspricht also dem fronengel.. .; aus den elbischen wesen macht das volk allmälich teuflische."

Dann folgt das Wort "Frucht". Aber schon nach dem ersten Absatz des über 5 Spalten ausgreifenden Artikels verweist uns ein Sternchen auf die Fußnote: "Mit diesem worte sollte Jacob Grimm seine feder von dem werke leider für immer niederlegen. das übrige bis zu ende des so weit geführten buchstabens ist meine arbeit. Weigand."