Konfusion, Ohnmacht und Zynismus: So kann die deutsche Aids-Szene beschrieben werden. Zynisch klingt es, wenn die tat den Titel formuliert "Aids – für die ganze Familie". Denn die bislang stets tödlich verlaufende "erworbene Immunschwäche", unter ihrem englischen Kürzel "Aids" bekannt, bedroht nicht nur Homosexuelle und Fixer, sondern – über Blutkonserven und wohl auch Prostitution – im Prinzip jeden Bürger.

Ohnmacht herrscht bei den Ärzten, die inzwischen mehr als hundertzehn Bundesbürger als Aids-Kranke erkannt haben und nun zusehen müssen, wie ihnen ihre Patienten wegsterben. Rund 60 Deutsche erlagen inzwischen dem Leiden, darunter auch ein 16jähriger Bluter. Ohnmacht herrscht auch bei Wissenschaftlern, die zwar den mutmaßlichen Aids-Erreger – ein Virus namens HTLV-III – isoliert haben, aber nun bei der Entwicklung eines Impfstoffes mit ungeahnten Schwierigkeiten kämpfen.

Konfusion scheint schließlich im Bonner Gesundheitsministerium zu herrschen. Ende Oktober – Hüh! – ließ Heiner Geißlers Behörde verkünden, Aids stelle keine "allgemeine Gefährdung" dar. Anfang November – Hott! – schlug das Gesundheitsministerium dann vor, ein Gesetz zu erlassen, das unter anderem den Intimkontakt von Aids-infizierten Personen unter Strafe stellen soll: ein politisches Ablenkungsmanöver. Denn erstens reichen die bestehenden Seuchengesetze aus und zweitens hielte eine Kriminalisierung die Kranken von den Ärzten fern und trüge somit zur Verbreitung der Seuche bei.

Die Lage ist allerdings sehr ernst. Alle halbe Jahre verdoppelt sich mit grausamer Gleichförmigkeit die Zahl der Opfer in den Vereinigten Staaten (jetzt über 6000 Fälle) wie auch hierzulande. Appelle an die Hauptrisikogruppen, mehr Vorsicht walten zu lassen, haben nicht viel gefruchtet. Machbar sind Tests, mit denen HTLV-III-infizierte Blutspenden (und damit Aids-Träger) erkannt werden können. Notwendig ist auch bei uns ein wissenschaftliches Crash-Programm zur genauen Aufklärung von Ursache und Verlauf der Krankheit sowie zur Erarbeitung wirksamer Therapien – Impfstoffe ebenso wie Mittel gegen die zum Teil äußerst exotischen Infektionen, die die immungeschwächten Aids-Kranken dahinraffen. Hier könnte sich Heiner Geißler profilieren. Aber Gesetze machen ist halt einfacher.

Günter Haaf