Das wirkliche Grauen findet sich mit dem Schrecken ab. Der Kinogrusel sucht einen Ausweg. So verwundert es kaum, wenn in der Erstverfilmung von Orwells "1984" Winston Smith, der gequälte Herr Jedermann im Überwachungsstaat, sein Happy-End in der Revolte suchte. "Nieder mit dem Großen Bruder!" rief er und wurde von der Gedankenpolizei erschossen. Im Orwell-Jahr ist die Wirklichkeit dem Entwurf des Grauens so weit nachgewachsen, daß Michael Radford jetzt in seiner Neuverfilmung der alten Verzweiflung kein neues Ventil verpassen mußte. Einstürzende Neubauten, Hunger, Entbehrung und ausgezehrte Eintönigkeit in allen Kleidern und Gesichtern beweisen zur Genüge die These Enzensbergers von den sich unterentwickelnden Ländern im postindustriellen Zeitalter.

John Hurt, der schon als Hauptdarsteller im Film "Der Elefantenmensch" eine Spezialisierung für den entstellten Ausdruck zeigte, spielt Winston Smith, den unscheinbaren, abgewirtschafteten Funktionär im Wahrheitsministerium von Ozeanien, der fabelhaft funktioniert und doch einer ungehörigen Leidenschaft frönt: er will sich sein Gedächtnis nicht löschen lassen und führt deshalb ein Tagebuch. Das gilt als ein Gedankendelikt. Die kleinste Abweichung von der Norm des Massenmenschen, wie Orwell sie mit dem auch durch den Stalinismus nicht ernüchtertem Pathos beschrieb, ist in "1984" strafbar: "Allein ein schon ungehöriger Gesichtsausdruck (z. B. bei einer Siegesmeldung eine ungläubige Miene zu machen), war ein strafbares Delikt. Es gab sogar ein Neusprech-Wort dafür: Blickdel".

Derlei Blickdels leistet der Film sich nicht. Orwells philosophischer Diskurs hat dem Regisseur zu wenig soziale Phantasie entzündet. Er setzt das Buch brav um, als gelte es, ein Kammerspiel im Londoner Westend zu inszenieren. Die Schauplätze sind begrenzt. Immer wieder sammeln sich die Massen im gleichfarbigen Overall, um auf dem Riesenbildschirm den neuesten Siegesmeldungen aus dem Mund des Großen Bruders zu lauschen. Die Kamera bleibt am Zaun stehen und wechselt nur um 180 Grad die Fronten. Auch in die Elendsquartiere, in denen Smith den Raum findet, in dem er seine Revolte mit der Funktionärin Julia probt, bringt die Kamera keine Neugier mit. Es ist, als müsse die Regie, um Orwells Buchstaben treu zu bleiben, sich ständig des Blickdels inne werden, um dem Zuschauer keine "verbotenen" Erfahrungen zu bieten.

Aber geht es darum, die Grausamkeit in spektakulärster Form zu zeigen, erspart sie einem nichts. Richard Burton spielt den sanften Gehirnwäscher vom Ministerium der Liebe, der sich an Winston Smith die Hände nicht schmutzig macht, weil er mit wissenschaftlichen Mitteln foltert. Das ist Burtons letzte Rolle, eisig und entrückt. Ihm ist der Film, in "Liebe und Freundschaft", von der Produktion gewidmet. Burtons Dialog über die der Macht geschuldete Liebe ist schon ein Monolog der einsamen Macht, die "Liebe" nur erpreßt, um die dann ausgepowerten Menschen zu vernichten.

Ein dumpfes Gefühl der Unausweichlichkeit bestimmt den Ton. Politik ist überall und unveränderlich, sagt der Film. Nicht als Orwells Warnung, sondern als filmische Resignation. Denn, wenn die Politik nicht mehr die "Intensivierung alltäglicher Gefühle" ist, wie Alexander Kluge einmal sagte, dann wird sie zwangsläufig so entrückt, daß sie in ihrer Totalität niemanden mehr angeht. Der Rest ist monochrome Ausdruckslosigkeit und ein Kindertraum von hellgrünen Hügeln. Karsten Witte