Von Thomas Ziehe

Der Nationalsozialismus eroberte das Dorf mit Papierfähnchen und farbigen Zigarettenbildern ... Wir Kinder begannen, Hakenkreuze zu kritzeln; dieses Symbol reizte dazu, weil es leicht genug war, um schnell aufgefaßt, und schwierig genug, um als Aufgabe empfunden zu werden." Landin 1933, ein Dorf im Havelland. Hartmut von Hentig ist damals sieben Jahre alt.

Die Schilderung ist keine folkloristische Verharmlosung. Vielmehr will der Autor sein "geschichtetes Leben" behutsam abtragen, um die vielen Orte und die Zeiten in ihrer damaligen Wahrnehmungsperspektive wiederzugeben. Er kann prägnant erzählen. Die erinnerte Kindheit ist ihm Reservoir für Dichte und Intensität, in dem Szenen und Namen bereitstehen, wenn man sie zu suchen und zu gebrauchen vermag. Hartmut von Hentig kann das gut. Er hat im Verlaufe der Jahre unterschiedliche "Texte zur eigenen Person" verfaßt, die nun in einem Buch gesammelt vorliegen:

Hartmut von Hentig: "Aufgeräumte Erfahrung. Texte zur eigenen Person"; Carl Hanser Verlag 1983; 321 Seiten, 39,80 DM.

Hentig erinnert sich in zwei gesonderten Durchläufen: Er erzählt zum einen seine Geschichte politischer Erfahrungen. Die Kindheit ist noch nicht beendet, und er sieht sich mit dem alltäglichen Faschismus konfrontiert. Nur der Vater gibt eine feste Gegenorientierung. Als blutjunger Mann wird er Offizier im Krieg, auf der moralisch falschen Seite, gedemütigt, empört, aber er hat "nicht mitgemacht" im Widerstand. Die Wunde der Verantwortlichkeit bleibt. Es ist ein Leben "im Nachhall" des Nationalsozialismus.

Dem politischen Erfahrungsabriß folgt die Rekonstruktion einer pädagogischen Autobiographie. Wie sind Lebensgeschichte, Pädagogikberuf und eigene Praxis miteinander verzahnt? Wieder wird die Person des Vaters zum Schlüssel: weltgewandt, den Kindern unendlich zugeneigt, aber von ihnen stetige Arbeit an sich selbst fordernd. Der Sohn bildet früh Eifer, Selbstdisziplin und intellektuelle Wachheit aus. Und er erfährt, was es heißt, vom Erwachsenen durch Überlegenheit beschämt zu werden. Noch in Beispielen, wie der junge Hentig spielerisch die jüngeren Geschwister belehrt, macht der Autor plausibel, wie die Praxis immer schon vor der "Theorie" gelernt worden war, wie das pädagogische Handeln sich aus anderen Quellen speist als aus deduktiven Systemen der Didaktik. Und dies wird für ihn weiterhin so gelten.

Der Vater ist ranghoher Diplomat, und so macht der junge Hentig die fortwährende Erfahrung der Fremde. In dreizehn Jahren besucht er dreizehn Schulen. Die Erfahrung Deutschlands bricht sich stets in den reichen Auslandserfahrungen. Eine Kontinuität muß er innerpersonal herstellen, als Treue zu sich selbst. Die Beweglichkeit gibt vielen biographischen Zufällen eine Chance. Die Lebensgeschichte ist im besten Sinne "schmuddelig" gegenüber dem Modell, schmuddelig übrigens, wie es auch unvermeidlich die Wirklichkeit der Pädagogik ist. Das Individuelle und Situative soll zu seinem Recht kommen, ehe es vorschnell kategorisiert wird. Es ist eine Empirie der Empfindsamkeit und freundlichen Zurückhaltung. Auch der Umgang mit der eigenen Person ist in diesem Sinne konkret. Die Bescheidenheit in der Selbstschilderung hält er diszipliniert, mitunter fast demütig durch.