Die Metallarbeiter zogen Lohnerhöhungen einer Arbeitszeitverkürzung vor

Österreichs Sozialpartner, ohnehin stets auf Konsens eingeschworen, fanden auch bei einem neuen brisanten Konfliktthema einen gemeinsamen Nenner: In einer Studie gingen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gegen eine zu radikale Arbeitszeitverkürzung auf Distanz. Zwar bringe eine Verkürzung der Arbeitszeit tatsächlich zusätzliche Arbeitsplätze, schloß der Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen – ein gemeinsames Gremium der Sozialpartner – aus monatelangen Untersuchungen und Berechnungen. Aber es würden mehr Arbeitsplätze hauptsächlich dann geschaffen, wenn der Lohnausgleich geringer ausfällt.

Da für Gewerkschaftsvertreter eine Verkürzung von Arbeitszeit und Lohn wohl schwer denkbar ist, zogen die ersten unter ihnen nach Veröffentlichung der Studie bereits die Konsequenz. Österreichs Metallarbeiter verzichteten bei ihren Tarifverhandlungen für ein Jahr auf eine Verkürzung der Arbeitszeit und stiegen statt dessen lieber mit einem ansehnlichen Lohnzuwachs von 4,8 Prozent aus. Das Thema kürzere Arbeitszeit, mit dem man in die Verhandlungen gegangen war, wurde auf nächstes Jahr vertagt.

Die Gewerkschafter begründeten diesen Verzicht zwar mit Rücksichtnahme auf die Wirtschaft – denn derzeit wird noch in Etappen von jeweils zwei Tagen der Mindesturlaub für alle Arbeitnehmer bis 1986 von vier auf fünf Wochen erhöht. Aber die Studie hat zweifellos auch ihre Wirkung getan. Radikale Töne zum Thema Arbeitszeit, wie sie vor allem von Österreichs Sozialminister Alfred Dallinger, der gleichzeitig Chef der größten Einzelgewerkschaft – der Gewerkschaft der Privatangestellten – ist, scheinen bis auf weiteres nicht gefragt.

Die Vertreter der Sozialpartner hatten sich bemüht, die Präsentation der Studie für keine Seite zu einer Niederlage werden zu lassen. Denn beide Seiten hatten Abstriche machen müssen. Die Gewerkschaft mußte von der Forderung nach vollem Lohnausgleich Abschied nehmen, und die Arbeitgeber mußten öffentlich zugeben, daß die von ihnen verteufelte 35-Stunden-Woche tatsächlich zusätzliche Arbeitsplätze bringt. Der Chef der österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitute, Helmut Kramer, der an den Modellberechnungen mitgewirkt hatte, stellte das brisante Gemeinschaftswerk vor: "Abgesehen vom Inhalt und von der Aussage ist es bemerkenswert, daß diese Studie überhaupt zustande gekommen ist. Vielleicht sind die Aussagen nicht so prononciert, aber sie sind trotzdem sehr wertvoll."

Die Studie hat zwei Varianten der Arbeitszeitverkürzung durchgespielt: Eine Reduzierung von 40 auf 38 Stunden mit "produktivitätsorientierter Lohnpolitik", also ohne Lohnausgleich, und eine Verkürzung von 40 auf 35 Stunden, jedoch in mehreren Schritten und mit siebzig Prozent Lohnausgleich. Ergebnis einer Einführung der 35-Stunden-Woche: Bis Ende der achtziger Jahre würde die Zahl der Arbeitslosen in Österreich nicht wie befürchtet auf rund 260 000, sondern nur auf rund 200 000 klettern. In diesem Jahr wird im Jahresschnitt mit rund 130 000 Arbeitslosen in Österreich gerechnet.

Obwohl dieses Ergebnis eigentlich für die 35-Stunden-Woche mit teilweisem Lohnausgleich sprechen würde, räumen Arbeitgeber und Gewerkschafter ein, daß für die Arbeitsplätze noch mehr zu tun wäre: "Steht eine Vermehrung der Zahl der Arbeitsplätze und die Verringerung der Arbeitslosigkeit im Vordergrund der wirtschaftspolitischen Bestrebungen, so lassen sich die besten Effekte bei mittelfristiger Kosten- und Verteilungsneutralität erzielen heißt es in dem Papier. Das sagt schlicht, daß eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich und mit Lohnverzicht die meisten Arbeitsplätze bringt.