Von Erich Loest

Mit meiner Wut ist es sonderbar und ärgerlich, ich komme mit ihr selber nicht gut aus. Leider brülle ich nicht, haue nicht auf den Tisch. Mein Zorn richtet sich nach innen, einmal hat er mir schon den Magen und den Zwölffingerdarm so zerfressen, daß der Chirurg ans Werk mußte. Manchmal fragen sich die Leute um mich: Was hat er denn? Sächsisch formuliert: Ich bin muggsch. Ich bin im Sternzeichen des Fischs geboren, wer an solcherlei glaubt, findet eine Erklärung. Ich habe beruhigend niedrigen Blutdruck. Und bin Sachse. Uns ist beizeiten eingebleut worden: Rumbrüllen bringt nischt. Gar nischt.

Was mich zornig, also still macht, ist blödsinnier Lärm. Nicht, wenn ein kleines Kind in nasser Findel schreit, es hat ein Recht auf Protest. Mich quälen Mopeds, Rasenmäher, Düsenjäger. Mit Autos, Autobahnen liege ich im inneren Streit. Was gibt es nicht für irrsinnige Zubringer, was für kreuzungsfreies Geschleife vor Dörfern. Da fällt mir dann ein: In der Schweiz sind alle Straßen schmaler als dahier, dort ist fruchtbares Land knapp und teuer, und die Schweizer konnten von jeher rechnen. Aber es kann auch sein, ich pflege diesen Ärger, um mit ihm Versäumtes zuzudenken: Ich hab nie Auto fahren gelernt.

Was mich traurig stimmt: Wenn Geschmacksnerven abgestumpft werden. Essen und Trinken gehören zum Wertvollen, Schönen, zur Kultur. Auf breiter Front haben die Verfertiger von Pommes frites, diese dargeboten auf Pappe, zum Angriff angesetzt, ihnen assistieren erfolgreich die Produzenten von Fischstäbchen, Tomatenketchup, Salatsoßen, von Hämbörgern und verwandten Scheußlichkeiten. In der DDR ist die Nivellierung vor anderer Richtung her fortgeschritten: Dort gibt es nicht mehr verschiedene Kartoffelsorten, sondern Kartoffeln an sich, nicht fünfzig duftende Brotarten, sondern zwei. Ich wäre gern in einem Weinland aufgewachsen. Nun hat der erforschliche Ratschluß der Wahlfrauen und -männer im Schriftstellerverband mich an die Seite von Gert v. Paczensky gestellt, einem Berufsfeinschmecker. Der läßt mich bisweilen von seinen Weisheiten kosten, also hole ich auf, spät, aber doch.

Nun muß ich wohl über die wichtigeren Schmerzen reden: Daß wie eh und je alte Männer zu bestimmen haben, ob die jungen die Handgranaten scharf machen müssen. Daß in der DDR wieder Bücher unterdrückt werden, diesmal trifft es Günter de Bruyn und Gabriele Eckart. Daß zwei sehr verschiedene Politiker, Geißler und Ferlemann, nicht wissen, daß "Fünfte Kolonne" ein Begriff der Faschisten ist. Daß viele meiner Kollegen, die mit mir aus der DDR gekommen sind, allesamt streit- und leiderfahren, aus der Politik und damit aus einem Teil des Lebens mit Fleiß ausscheiden.

Ich weiß nicht weiter, wenn mich einer direkt und unverhohlen bescheißt, ich kann nicht in ein Gesicht hineinsagen: Alles ist ganz anders, und wir wissen es beide.

Aber ich hab ja mein Panzerchen ums Innenleben herum gebastelt. Für den Rest des Lebens wird’s hoffentlich halten.