Von Henry Braunschweig

Um 17 Uhr hatten wir Hoek van Holland querab und liefen auf die überraschend glatte Nordsee hinaus. Der flache Küstenstreifen in unserem Kielwasser versank schon nach ein paar Minuten im diffusen Licht des sonnigen, aber diesigen Nachmittags. Es herrschte Wind um zwei, Seegang Null, Sicht weniger als eine Seemeile. Fette Möwen hockten bewegungslos auf der Decksladung.

Wir hörten über UKW den Funk von "Maas Approach" mit den Meldungen der ein- und auslaufenden Schiffe. Gerade eben, bei unserer eigenen Abmeldung, hatten sie uns gute Reise gewünscht. Das zweite Gerät, auf Scheveningen Radio geschaltet, brachte die pausenlosen Anrufe der zumeist mit Kurs auf die Rheinmündung und auf Rotterdam einlaufenden Schiffe, um sich für ihre Gespräche einen Kanal zuteilen zu lassen. Der erste Buchstabe des Rufzeichens gab jeweils Aufschluß über die Nationalität des Anrufers: "Papa" waren Holländer, "Delta" Deutsche und "Golf" Briten.

Später nahm die Zahl der im Radar sichtbaren Schiffe, die während der ersten Stunde im Umkreis von zehn Seemeilen stets mindestens 40 betragen hatte, rapide ab. Wir hatten die in den Ärmelkanal führenden Großschiffahrtswege inzwischen verlassen und liefen querbeet mit Kurs 297 Grad auf Cross Sand vor Great Yarmouth zu. Unser Bestimmungsort war Boston, ein Hafen im "Wash", 200 Seemeilen ab Rotterdam. Da wir eine Marschfahrt von 9,6 Knoten liefen, lagen noch rund 19 Stunden Fahrzeit vor uns.

Ab Rotterdam hatte ich dem Kapitän auf der Brücke Gesellschaft geleistet, der nun – zwei Stunden hinter Hoek van Holland – meinte, er werde mal nach unten gehen, sich um das Abendbrot kümmern und das Mittagessen für morgen vorbereiten.

"Mach das man!" verabschiedete er sich ohne viel Aufhebens, als ob das die natürlichste Sache der Welt sei, und verschwand im Niedergang. Plötzlich war ich der verantwortliche Wachhabende. Ich hatte den Radarschirm zu beobachten und dem Skipper über die Gegensprechanlage jedes Schiff sofort zu melden, das sich uns auf mehr als zwei Seemeilen näherte, und darauf zu achten, ob über Funk ein Anruf für uns kam. Mit der Steuerung hatte ich nichts zu tun – die besorgte, wie auf Seeschiffen aller Größen heute allgemein üblich, eine Ruderautomatik. Natürlich besaß ich kein Kapitäns- oder Steuermannspatent für Kleine Fahrt, wie erforderlich gewesen wäre, war aber nach etlichen Kriegsjahren auf Vorpostenschiffen und Besitzer von ein paar Sportbootführerscheinen zumindest kein gänzlich Unbedarfter, was die christliche Seefahrt anbelangt.

Alle anderen Schiffe hielten ausreichend Abstand. Eine flache Dünung, die mehr wie der gleichmäßige Atem des Meeres war, wiegte uns sanft und behaglich, während die genau vor unserem Bug untergehende Sonne einen langen, goldflimmernden Streifen über das Wasser warf, auf dem wir uns wie auf einem schmalen Teppich vorwärtsbewegten. Um 23 Uhr – der Kapitän war längst mit Tellern voller belegter Brote zurückgekehrt, und wir hatten alles bis zur letzten Krume verspeist – erfüllte noch immer eine rötlich-transparente Dämmerung die Luft. Aber von achtern zog nun die Nacht herauf, und der heller werdende Mond an Backbord-Seite warf eine blasse Lichtbahn über die Nordsee ...