Von Matthias Naß

Addis Abeba, im November

Vom Roten Meer bläst ein heißer Wind über die Wüstenpiste. Flimmernde Mittagshitze drückt auf Assad, den größten Seehafen Äthiopiens, rund 50 Kilometer von der Grenze zum Nachbarland Dschibuti entfernt. Vierzig Grad im Schatten mögen es zu dieser Stunde sein, doch Schatten spendet allenfalls die Wartungshalle für die Flugzeuge. Kein Baum, kein Strauch bietet Schutz gegen den feinkörnigen Sand, der über das Rollfeld fegt.

Zwei DDR-Mechaniker, in Turnhosen auf einer Trittleiter balancierend, überprüfen die Triebwerke einer Interflug Iljuschin-18. Hundert Meter entfernt parkt eine sowjetische Antonow-12, daneben zwei Helikopter der Aeroflot. Plötzlich bringt rasch anschwellendes Motorendröhnen Bewegung in die Gruppe junger Burschen, die vor der sengenden Sonne unter das Wellblechdach der Wartungshalle geflüchtet sind. In einer Staubwolke setzt eine Herkules der britischen Royal Air Force auf der Landepiste auf. Kaum ist der Militärtransporter ausgerollt, preschen drei mit Getreidesäcken vollgepackte Lastwagen heran, das Heck der Herkules wird heruntergeklappt, und in Windeseile beginnen zwei Dutzend Äthiopier mit dem Beladen der Maschine. Keine dreißig Minuten dauert es, dann sind 385 Säcke mit je 50 Kilogramm Getreide verstaut, ist die Maschine aufgetankt und startklar.

Fünf Mal am Tag versorgt die Royal Air Force von Assad aus die Hungergebiete im Norden Äthiopiens mit Nahrungsmitteln. Pro Flug schafft sie etwa 40 000 Pfund Getreide nach Asmara, Aksum und Mekele. Lastwagen und Hubschrauber übernehmen dort die Fracht und transportieren sie in die einzelnen Hilfslager. Seit vierzehn Tagen ist die Royal Air Force mit zwei Besatzungen täglich im Einsatz, genau so lange wie die Bundesluftwaffe, die sich mit zwei Transall-Maschinen an der Luftbrücke in die äthiopischen Dürreregionen beteiligt. "Es ist der befriedigendste Job, den man überhaupt haben kann", meint RAF-Offizier Tim Smith. "Für mich ist dies eine sehr lobenswerte Operation."

Assad, der Glutofen am Roten Meer, ist zum zentralen Umschlagplatz der ausländischen Hilfslieferungen geworden, seitdem die Alarmmeldungen von der dramatischen äthiopischen Hungerkatastrophe die Welt aufschreckten. Knapp 70 000 Tonnen Getreide sind seit Oktober von hier aus verteilt worden. Ost und West haben ein wahres Wettrennen der Hilfsbereitschaft begonnen. Der Westen reagierte zuerst. Wenige Tage, nachdem das Fernsehen erschütternde Bilder vom Leiden und Sterben der Menschen in der vom Hunger am schwersten getroffenen Provinz Wollo gezeigt hatte, waren die ersten Transporte in der Luft.

Die östlichen Freunde des sozialistischen Äthiopiens hinkten zunächst hinterher. Doch dann entschlossen sie sich, den imperialistischen Samaritern nicht allein das Feld zu überlassen. Gekränkt von dem Vorwurf, mit Waffenlieferungen in Milliardenhöhe den Verbündeten noch in der Stunde der Not zur Kasse zu bitten, begann auch die Sowjetunion zu klotzen. Mit zwölf Flugzeugen, 24 Hubschraubern und 300 Lastwagen beteiligt sie sich nun an der Lebensmittelversorgung. Drei Viertel aller Hilfsgüter, so rühmen offizielle äthiopische Stellen, werden inzwischen von den Sowjets im Lande verteilt.