Aus dem Alltag des Rentners Franz Netuka Von Raimund Hoghe

Der Franz sei bei der Stadt gewesen, erzählen mir Freunde, städtischer Angestellter in irgendeinem Amt in Braunschweig. Als ich den 71jährigen abends um elf in der ausgestorbenen Fußgängerzone zum ersten Mal sehe, kommt er mir eher vor wie einer, der sein Leben lang draußen lebte: rotweißkariertes Hemd, Plastiktüte unterm Arm, Baskenmütze auf dem Kopf und einem weißen Haarkranz, der nach allen Seiten absteht. "Ich bin der Franz", stellt er sich vor, erzählt mit aufgeregten Gesten vom Kinobesuch, den er gerade hinter sich hat, und einem günstigen Plattenkauf am Nachmittag. In einer Eckkneipe holt er einen Briefumschlag mit Photos aus seiner Jackentasche. Er gehe meist mit Photoapparat in die Stadt, es könne ja mal etwas passieren, meint er und reicht Unfallbilder über den Tisch. Später zieht er auch noch ein Farbphoto hervor, das er in der Freßgass in Frankfurt machte: eine auf dem Boden hockende Frau in rotem Rock und blauem Pullover, in der Hand ein weißes Schild – "Ich habe Hunger".

Menschen hätten ihn schon immer interessiert, und gleich nach der Schule habe er angefangen, "Personenaufnahmen zu machen. Der erste Apparat kostete 90 Pfennig und ich hab’ all meine Schulkameraden und Freunde photographiert." Einmal, als er wieder seine Schnappschüsse zeigt, sagt er: "Ich will den Menschen so haben, wie er ist – auch wenn er mal traurig aussieht." Manche würden sich ja lieber so schön sehen wie auf den Schaukastenbildern der Photogeschäfte, aber solche Porträts seien nicht seine Sache. "So sind die Menschen doch gar nicht, so glatt und ohne Falten", bemerkt er und hält mir seine geblitzten Momentaufnahmen entgegen: von den uniformierten Hamburger-Verkäuferinnen, vom Stadtstreicher, der vor dem Kaufhaus liegt, und dem Mischlingskind im Schnellimbiß – und zwischendurch auch mal ein Bild von sich: von Franz Netuka, dem ehemaligen Angestellten des Liegenschaftsamtes und verwitweten Rentner, der Anfang der siebziger Jahre als Statist am Theater "ein ganz neues Leben" begann und heute feststellt: "Wenn die Leute nur wüßten, wie schön das Leben sein kann."

Franz N., Beginn einer Biographie: "Geboren bin ich am 13. 2. 1913 in Hamburg-Wandsbek. Mein Vater war Bautechniker und meine Mutter als Plätterin beschäftigt. Als ich fünf war, sind wir nach Braunschweig gekommen." Bis 1927 sei er dort in eine katholische Schule gegangen – "und dann ging das Suchen los nach einer Lehrstelle". Bei einem Zahnarzt hätte der 14jährige gerne gearbeitet oder als Verkäufer in einem Konfektionsgeschäft, "aber da war nichts frei und ich bin zu einer Schokoladenfabrik gekommen. Und wie das so ist als Lehrling, hieß es erst mal: ‚Hol’ dir einen Zettel’ – und dann mußte ich einkaufen – und ich hab’ gedacht, ich lern’ Konditor."

An die Herstellung eines ganz besonderen Bonbons erinnert er sich noch heute: "Da kam so eine Bonbonmasse aus der Maschine – und in der Schnittstelle war das Hakenkreuz." Ja, das sei schon Ende der zwanziger Jahre gewesen – "Braunschweig war ja auch eines der ersten Länder mit nationalsozialistischer Regierung". Für ihn gab es in der zukunftsorientierten Schokoladenfabrik keine Zukunft: "Ich kriegte die Kündigung – warum, weiß ich gar nicht mehr. Und dann hat mir einer gesagt: ‚Du mußt Buchdrucker werden, da verdient man ein Heidengeld.‘" Doch auch als Buchdruckerlehrling eckt Franz N. an: Als er sich bei der Krankenkasse nach seinen Beiträgen erkundigt und feststellt, daß er vom Lehrherrn gar nicht angemeldet worden war, wird er entlassen. "Mann, was hat der geschimpft. ‚Du Schwein, mach bloß, daß du hier wegkommst‘, hat er geschrieen und mich sofort rausgeschmissen – und ich war dann wieder auf Suche nach Arbeit." Am Ende wird er Schlosser, arbeitet von morgens um sieben bis abends halb neun und erhält in vier Jahren eine Woche Urlaub. "Nach der Lehre war ich mal eine Woche lang Geselle – dann mußte ich gehen und war ’ne Zeitlang arbeitslos", berichtet Franz Netuka in einem kleinen Hotelzimmer in Frankfurt, wo ich ihn vor einigen Wochen einmal auch auf der Bühne der Alten Oper sah: als einen von sieben Alten, die in Harald Weiss’ Musiktheaterstück "Arche" als überwiegend stumme Caféhaus-Figuren mitwirkten – gefangen in einem überdimensionalen dunklen Bildschirm, nur manchmal angestrahlt von kaltem Blaulicht.

Er selbst gehe ja selten als Zuschauer ins Theater, erklärt Franz Netuka, die Gesichter seien da immer so weit weg und er könne ja nicht so gut sehen. "Weißt du, als ich geboren wurde, sagte der Arzt zu meinen Eltern: ‚Der Junge wird blind‘ – ich wurde nämlich mit eitrigen Augen geboren. Vier Wochen waren die zu, dann Konnte ich erst mal richtig sehen", berichtet er und fügt nach kurzer Pause hinzu: "Das muß ja komisch gewesen sein für meine Eltern, so ein Kind zu kriegen, das blind ist." Aber zum Glück sei er dann ja doch nicht blind geworden und habe nur eine Sehschwäche zurückbehalten, so daß er eine Brille tragen müsse und sich im Kino immer ganz nach vorne setze, "damit ich die Gesichter vor mir habe".

Ja, ins Kino sei er immer schon gern gegangen. "Ich kann mich noch an den allerersten Film erinnern – ‚Ben Hur‘, ein Stummfilm. Und dann kam ‚Siegfried‘." Früher seien ja noch Leute im Kino gewesen, erinnert er, "aber heute ist man manchmal ganz allein". Vor kurzem habe er sich zum Beispiel einen Film über die Entwicklung der Braunschweiger Kinos angesehen, und da sei er der einzige Besucher gewesen. "Nachher kam dann noch ein Pärchen, aber sonst niemand – dabei war der Film so schön. Ich hab’ nur nicht verstanden, warum keine Leute da waren."