Von Heinz Josef Herbort

Was genau den Römer M(arcus). S(ecundus) ENNIUS um das Jahr 100 veranlaßte, in den Thermen von Aquae Villae der Göttin Diana Abnoba einen Altar zu widmen, läßt sich erahnen, aber vermutlich kaum mehr exakt und detailliert herausfinden. Was hingegen ebendort rund 1870 Jahre später den Hotelier Klaus Lauer dazu treibt, seinen herbstlichen Kurgästen außer so Nützlichem wie Heilwasser und so Sündhaftem, aber eben doch Köstlichem wie einer exzellenten Küche auch noch so Verqueres wie eine Serie von fünf Konzerten mit zeitgenössischer Musik zu servieren, ist einigermaßen erschöpfend zu recherchieren, nämlich:

Anno 1823 errichtete ein gewisser Wilhelm Schnell in Badenweiler, wo wenig zuvor die römische Badeanlage wiederentdeckt worden war, einen Gasthof und versprach, wie einem zeitgenössische Stich zu entnehmen ist, seinen Gästen in der "vortrefflichen Lage dieses Chur-Ortes" jederzeit "Reinlichkeit, Billigkeit u. prompte Bedienung". Indes blieb er seinem Namen treu und machte noch während der Bauzeit pleite. Das Haus ging in den Besitz einer Familien-"Dynastie" über, die das zweistöckige Prinzen- und Freiherrn-Quartier nach und nach in eine immer noch vornehmste Residenz im sogenannten Monte-Carlo-Stil ausbaute.

Knapp 150 Jahre später durften sich Badenweilers Dienstleistungsunternehmer entscheiden, ob sie nach gehabter wohltuender Sommersaison bis zur beginnenden nächsten ihr Haus schließen – oder mit einem attraktiven Angebot einer bestimmten Klientel das Her- und damit sich selber das Auskommen ermöglichen sollten.

Anfang der siebziger Jahre, auf dem Wohlstandshöhepunkt unseres Versorgungsstaates, hatte der 3000-Einwohner-Ort mit 4000 Gästebetten noch 950 000 Übernachtungen im Jahr zählen können. Aber dann kam ein Einbruch nach dem anderen. So machte beispielsweise das "Kostendämpfungsgesetz" ziemlich Schluß mit dem als "offene Badekur" getarnten "erschummelten und zusätzlich finanzierten" Urlaub. Badenweiler, das "Stück Italien auf deutschem Grund" (Justinus Kerner) mit seinem hohen Prestigewert – nur 10-12 Prozent Sozialversicherungsgäste – verkraftete den Einbruch noch relativ gut, aber das Überleben-Wollen verlangte auch hier ganz neue Initiativen, neudeutsch: ein Marketing.

Die Alternativfrage überlagerte sich mit den Wünschen eines Mannes, der zwar, wie er heute gesteht, "keine Noten lesen und keine Sonatensatz-Form heraushören", aber andererseits sich "ein Leben ohne Musik nicht vorstellen" kann. Möglicherweise hatte er seine Neigungen von seinem Großvater geerbt, einem Amateurgeiger, der immer schon im Hotel-"Zentralhof", einem achteckigen, über mehrere Etagen führenden und von einer Kuppel überdachten kleinen Saal Hausmusikabende gepflegt hatte, für die sich immerhin eine Musikanten-Creme wie die Geiger Arnold Rose, Max Strub und Bram Eldering, die Pianisten Moritz Rosenthal oder Elly Ney, der Cellist Ludwig Hölscher, der Komponist Julius Weismann, ja selbst der hochberühmte Richard Tauber nicht zu schade waren.

Was mit dem Tode des Großvaters, 1956, beendet war, wollte der Enkel bald neu beleben, aber nicht wieder durch ein sporadisches Ereignis mit einem Streichquartett, das unter der Pergamentstehlampe die Meisterwerke der Klassik entbietet, sondern mit "Kontroversem", und das "zyklisch".