New York

Was ihr die Etikette während des Wahlkampfs verboten hatte, holte Geraldine Ferraro auf der Landebahn des Washingtoner Flughafens nach: Sie umarmte und küßte Walter Mondale, ihren running mate von gestern.

Gestern: der längste Tag, an dessen Ende die letzten drei Monate sich in Nichts auflösten. Umsonst der lange Treck, den Geraldine Ferraro in dreißig Staaten und Hunderte von Städten und Dörfern führte. Vergeblich auch ihre Botschaft eines fairen und barmherzigeren Amerikas. Unnötig vor allem die öffentliche Verunglimpfung ihrer verstorbenen wie lebenden Familie, die als Italo-Amerikaner zu unrecht an den Mafia-Pranger kam. Geraldine Ferraro blieb, auch in der großen Niederlage, die Frau, die als Kandidatin für das zweithöchste Amt der USA ihre Reifeprüfung mit Stil und Substanz absolvierte.

Auch jetzt keine sauren Kirschen für die Schwestern, die zu 57 Prozent Ronald Reagan wählten. Nein, die amerikanischen Frauen hätten sie nicht enttäuscht. "Ich habe Vertrauen in uns", so verabschiedete sie sich am Tag nach der Wahl.

Daß die Waffe der Demokraten, die sie schärfen sollte, stumpf bleiben würde, das wußte die Kongreßabgeordnete aus Queens, bevor sie sich von den Parteibossen küren ließ. "Frauen-Solidarität ist nichts als ein Schlagwort, das die Frauen politisch ausschlachten sollten", hatte sie längst vor ihrer Kandidatur gedacht, nie ausgesprochen, aber doch immer danach gehandelt.

Ohne die Prognosen der Meinungsforscher, die im Gender-Gap, der politischen Polarisierung zwischen den Geschlechtern, die große Chance für die stark geschwächte demokratische Partei erkannten, wäre auch 1984 keine Frau auf den Vize-Posten katapultiert worden. Geraldine Ferraro akzeptierte die Herausforderung und setzte neue Maßstäbe, die Amerikas politische Landschaft auf immer verändert hat. Was viele Männer als symbolische Geste an die Frauen, den größten Wählerblock, sahen, wurde zum Nachweis ihrer politischen Wettbewerbsfähigkeit.

Das ist der momentane Trost im Katzenjammertal der Feministinnen. Sie werden noch lange an den Zahlen zu beißen haben, die den politischen Fortschritt der Frauen in Zentimetern bemessen. Nur vier Prozent weniger Frauen als Männer wählten Reagan. Alle neun Bewerberinnen für einen Sitz im Senat verloren die Wahl, und nur zwei von 41 neuen Kandidaten für das Repräsentantenhaus lagen vor den Männern im Rennen. Die frühere Zahl von 20 weiblichen Kongreßabgeordneten blieb bestehen. Eine Möchtegern-Senatorin aus Minnesota nach der Niederlage: "Noch immer werden Politikerinnen unter den Frauen mit zweierlei Maß gemessen. Sie sind einer viel intensiveren Kontrolle ausgesetzt. Ist man hart und sachlich, gilt man als gemein und engstirnig. Setzt man sich für mehr Fairneß den Armen und Alten gegenüber ein und zeigt sein Mitgefühl, dann wird man für naiv gehalten."