Von Roland Kirbach

Düsseldorf

Spraydosen kann er nicht mehr sehen. Da wird er nun herumgereicht, zu Talk-Shows und dergleichen eingeladen, und jedesmal, das müsse man sich mal vorstellen, steht schon so eine Sprühdose bereit. Und stets bittet ihn dann ein Moderator, mit einer einladenden Handbewegung, er möge doch bitte mal eine Kostprobe ... Nein, verdammt noch mal! Kapieren die denn nicht? Sprayen, wie er es versteht, braucht die Anonymität, auch die Illegalität. "Domestizieren" läßt er sich nicht. Weder Künstlerisch noch sozial.

Harald Naegeli ist wieder da, der "Sprayer von Zürich". In Düsseldorf will er sich jetzt niederlassen. Seiner Heimat, der Schweiz, hat er den Rücken gekehrt, nachdem er im Oktober aus sechsmonatiger Haft entlassen wurde. Das Obergericht des Kantons Zürich hatte ihn 1981 "wegen wiederholter und fortgesetzter Sachbeschädigung" verurteilt und ihm eine "beispiellose Härte, Konsequenz und Rücksichtslosigkeit" attestiert, mit der er "die Einwohner von Zürich und ihren auf unsere Rechtsordnung beruhenden Glauben an die Unverletzlichkeit des Eigentums zu erschüttern" verstand.

"Privatbesitz ist in der Schweiz so etwas wie eine Gottheit", sagte Naegeli. "Wer ihn ankratzt, fordert die Schweizer Seele heraus." Er hat es voll zu spüren bekommen. Die Eidgenossen bestanden nicht nur hartnäckig auf seiner Auslieferung, als er sich schon einmal in Düsseldorf niedergelassen hatte, um der Strafverbüßung zu entgehen. Überdies, empört er sich, habe man ihn im Strafvollzug noch mal reichlich schikaniert. So kam er nicht, wie es "Ersttätern" zusteht, in den offenen Vollzug, sondern in ein Untersuchungsgefängnis. Das hieß: eine halbe Stunde Hof gang pro Tag und eine Stunde Besuchszeit in der Woche, ansonsten Einzelzelle.

Ob die Haft Folgen gezeitigt hat? Das kann er noch nicht beurteilen. Vielleicht in psychischer Hinsicht. "Spuren von Haß und Bitternis", ja, die entdeckt er jetzt an sich. Aber "im Denken" hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, da fühlt er sich eher nur bestätigt. Mit der Schweiz will er nichts mehr zu tun haben, die Schweizer Staatsbürgerschaft möchte er so schnell wie möglich ablegen und sich um einen norwegischen Paß bemühen. Seine Mutter war eine aus Norwegen stammende Malerin. Die hatte auch Schwierigkeiten mit der spießigen Schweizer Mentalität – und mit seinem Vater, einem Schweizer von Geburt.

Doch er möchte nicht mehr zurückblicken, nach vorn will er nun schauen. Nur ist da noch wenig Konkretes in Sicht. Der psychische Druck der drohenden Auslieferung und Haftstrafe ist weg und hat offenbar eine Leere hinterlassen, die erst wieder neu gefüllt werden muß. Es ist, so scheint es, nicht nur eine Last von ihm genommen, sondern auch ein Stück Identität.