Palmen hinter Klostermauern

Neben dem schweren hölzernen Tor baumelt ein langer Strick von der Mauer herab. Kräftiges, ruckhaftes Ziehen setzt hoch oben auf der Mauer ein hell bimmelndes Glöckchen in Bewegung.

Wir stehen vor dem mutmaßlich ältesten erhaltenen Kloster der Christenheit. Den heiligen Antonius trieb es schon um 230 nach Christus in die Ödnis. Hierher, in die arabische Wüste, am Fuße eines weiten Gebirgskessels im Wadi Araba, zog er sich zu einem kontemplativen Einsiedlerdasein zurück. Der Platz war gut gewählt, sprudelte doch aus der hochaufragenden Bergwand eine klare Quelle, die bis auf den heutigen Tag nicht versiegt ist und ein sehr wohlschmeckendes Wasser spendet.

Und so eröffnet sich denn vor unseren staunenden Augen, die seit Stunden nichts als Wüste gesehen haben, eine üppige grüne Palmenoase, als das festverschlossene Tor nun vorsichtig von einem jungen Mönch in langer, schwarzer Kutte aufgezogen wird. Er ist mindestens ebenso eine Augenweide wie der Palmenhain hinter den Mauern, in unseren späteren Gesprächen wird immer wieder vom "schönen Mönch" die Rede sein.

Allerdings: Seine perlweißen Zähne trügen, fragt er doch hoffnungsfroh, ob wir zufällig einen Arzt unter uns hätten, der vielleicht seinen schmerzenden Kiefer einmal anschauen könnte. Leider können wir außer ein paar Schmerztabletten nichts anbieten, aber die hat er selber. War Antonius hierhergekommen, um den Kampf gegen die Dämonen zu bestehen und fastend, betend und wachend den heißen Tagen und den frostigen Nächten zu trotzen, so muß dieser Mönch nun auch noch die Plage der Zahnschmerzen erdulden. Er fügt sich lächelnd drein, nur die schmelzenden, schwarzen Augen schimmern noch eine Spur entsagungsvoller. Ansonsten aber hat er es etwas bequemer als die ersten Schüler, die sich bei Antonius in der kargen Einsamkeit einfanden.

Im vierten Jahrhundert wurde am Ort der heiligen Meditationen das Antonius-Kloster gegründet. Aus jener frühen Epoche sind keine Zeugnisse mehr vorhanden. Die heutigen Bauten stammen aus sehr viel späterer Zeit.

Da wir ein wenig ausgedörrt wirken – die stundenlange Fahrt auf staubiger Wüstenschotterpiste vom Golf von Suez bis hierher hat ihre Spuren hinterlassen führt uns der Mönch zunächst an den gemauerten Brunnen. Er schöpft für uns das angenehm kühle Wasser. So erfrischt, treten wir in die Klosterkirche: Zwei hohe Kuppeln wölben sich über rußgeschwärzten Wänden, die einst farbenprächtige Fresken schmückten. Ein Teil ist noch einigermaßen erhalten und ganz gut zu erkennen, die Bilder stellen den heiligen Georg hoch zu Pferde dar. Die Fresken stammen aus dem 13. Jahrhundert, erklärt der Mönch.

Der bedauernswerte Zustand der Wände ist eine Erinnerung an räuberische Beduinenüberfälle in früheren Zeiten. Sie blieben gleich ein paar Jahre und nisteten sich im Kloster ein. In der Kirche hausten sie und kochten über offenem Feuer. (Einige Tage später, in Luxor, weist unser ägyptischer Führer anklagend auf schwarzverräucnerte Mauern in einem Tempelteil und klagt, hier hätten sich einst Christen einquartiert und gekocht.)

Palmen hinter Klostermauern

Überfälle gab es im Wadi Araba immer wieder. Dann zogen sich die Mönche auf einen frei stehenden Fluchtturm zurück. Er enthielt eine Kapelle, Wohnzellen und Vorratsräume und war nur über eine Zugbrücke zu betreten. Heute wird er – mangels Überfalls – unter anderem als Lagerraum genutzt.

Unser schöner, schmerzgeplagter Mönch führt uns nun durch einen winkligen Gang in eine zweite Kirche. Hier werden im Sommer die Gottesdienste gehalten. Sie ist neueren Datums und viel heller und luftiger als ihre altehrwürdige Vorgängerin. Wollene Teppiche mit schönen, klaren Mustern bedecken den Boden, feine Einlegearbeiten zieren die hölzerne Wand, die das Allerheiligste vom Hauptraum abtrennt. Ringsum an den Wänden hängen wunderbare alte Ikonen.

Der Mönch führt uns zu einem rätselhaften, länglichen Gegenstand, der unter einem roten Samttuch verborgen ist. Er zieht das Tuch von der Truhe, die sich nun als gläserner Sarg entpuppt. Hier ruht ein einbalsamierter Bischof, der im 19. Jahrhundert gestorben sein soll. Den Bischof selber bekommen wir nicht zu Gesicht. Tücher schützen ihn vor neugierigen Blicken. Sein Körper ist mit einem blauen Brokattuch verhüllt und sein Kopf unter einem weißen Seidentuch mit blauer Stickerei verborgen. Die Umrisse, die man erkennen kann, lassen auf eine eher zarte Gestalt von nicht allzu hohem Wuchs schließen.

Heute leben noch 26 Mönche hier im Kloster, bis auf einen Sudanesen sind sie alle Ägypter. Jeden Morgen um vier Uhr versammeln sie sich in der Kirche zu sechsstündigem Gebet. Nach einem kargen Frühstück wird dann in den Wohnzellen, in die wir natürlich keinen Einblick erhalten, meditiert oder in der kleinen Oasenfarm gearbeitet. Es ist ein Leben in Askese. Die frommen Männer halten sich vor den Blicken der Besucher verborgen. Außer "unserem" Mönch bekommen wir nur einen zweiten zu sehen, der in der Küche für uns zum Abschied einen starken Tee bereitet.

Ein letzter Blick auf die Palmenpracht hinter den Klostermauern, dann stehen wir wieder draußen, wo kein Halm wächst. Jenseits der Bauten, in der Wüste, liegen die hier in langen Jahren verstorbenen Mönche begraben. Wir erkennen den weiten Friedhof nicht gleich als solchen, erst, als wir über verschiedene Steine stolpern, erkennen wir eine gewisse Ordnung, die die Gräber markiert.

Wir klettern wieder in das verstaubte Auto, um zum Paulus-Kloster weiterzuerfahren. Es ist nicht minder abgelegen, doch uns kommt hier alles viel betriebsamer vor als in der stillen Klause des Antonius. Bei Paulus schallt aus der Waschküche geschäftig fröhlicher Lärm. Und selbst ein kleiner Handel mit Traktätchen und Heiligenbildern trägt bei zum Klosterhaushalt und zum Wohle der Touristen. Es sind anscheinend vornehmlich Besucher aus der Bundesrepublik, die hier eine Ahnung altchristlicher Frömmigkeit erleben wollen. Denn schon neben dem auch hier von der Außenmauer baumelnden Glockenstrick bittet ein Schild in deutscher Sprache um geziemende Bekleidung: "Damen müssen die Schultern bedeckt haben und dürfen keine tiefen Halsausschnitte tragen."

Roswitha Steffen