Überfälle gab es im Wadi Araba immer wieder. Dann zogen sich die Mönche auf einen frei stehenden Fluchtturm zurück. Er enthielt eine Kapelle, Wohnzellen und Vorratsräume und war nur über eine Zugbrücke zu betreten. Heute wird er – mangels Überfalls – unter anderem als Lagerraum genutzt.

Unser schöner, schmerzgeplagter Mönch führt uns nun durch einen winkligen Gang in eine zweite Kirche. Hier werden im Sommer die Gottesdienste gehalten. Sie ist neueren Datums und viel heller und luftiger als ihre altehrwürdige Vorgängerin. Wollene Teppiche mit schönen, klaren Mustern bedecken den Boden, feine Einlegearbeiten zieren die hölzerne Wand, die das Allerheiligste vom Hauptraum abtrennt. Ringsum an den Wänden hängen wunderbare alte Ikonen.

Der Mönch führt uns zu einem rätselhaften, länglichen Gegenstand, der unter einem roten Samttuch verborgen ist. Er zieht das Tuch von der Truhe, die sich nun als gläserner Sarg entpuppt. Hier ruht ein einbalsamierter Bischof, der im 19. Jahrhundert gestorben sein soll. Den Bischof selber bekommen wir nicht zu Gesicht. Tücher schützen ihn vor neugierigen Blicken. Sein Körper ist mit einem blauen Brokattuch verhüllt und sein Kopf unter einem weißen Seidentuch mit blauer Stickerei verborgen. Die Umrisse, die man erkennen kann, lassen auf eine eher zarte Gestalt von nicht allzu hohem Wuchs schließen.

Heute leben noch 26 Mönche hier im Kloster, bis auf einen Sudanesen sind sie alle Ägypter. Jeden Morgen um vier Uhr versammeln sie sich in der Kirche zu sechsstündigem Gebet. Nach einem kargen Frühstück wird dann in den Wohnzellen, in die wir natürlich keinen Einblick erhalten, meditiert oder in der kleinen Oasenfarm gearbeitet. Es ist ein Leben in Askese. Die frommen Männer halten sich vor den Blicken der Besucher verborgen. Außer "unserem" Mönch bekommen wir nur einen zweiten zu sehen, der in der Küche für uns zum Abschied einen starken Tee bereitet.

Ein letzter Blick auf die Palmenpracht hinter den Klostermauern, dann stehen wir wieder draußen, wo kein Halm wächst. Jenseits der Bauten, in der Wüste, liegen die hier in langen Jahren verstorbenen Mönche begraben. Wir erkennen den weiten Friedhof nicht gleich als solchen, erst, als wir über verschiedene Steine stolpern, erkennen wir eine gewisse Ordnung, die die Gräber markiert.

Wir klettern wieder in das verstaubte Auto, um zum Paulus-Kloster weiterzuerfahren. Es ist nicht minder abgelegen, doch uns kommt hier alles viel betriebsamer vor als in der stillen Klause des Antonius. Bei Paulus schallt aus der Waschküche geschäftig fröhlicher Lärm. Und selbst ein kleiner Handel mit Traktätchen und Heiligenbildern trägt bei zum Klosterhaushalt und zum Wohle der Touristen. Es sind anscheinend vornehmlich Besucher aus der Bundesrepublik, die hier eine Ahnung altchristlicher Frömmigkeit erleben wollen. Denn schon neben dem auch hier von der Außenmauer baumelnden Glockenstrick bittet ein Schild in deutscher Sprache um geziemende Bekleidung: "Damen müssen die Schultern bedeckt haben und dürfen keine tiefen Halsausschnitte tragen."

Roswitha Steffen