Ist das Phantastische nicht überzeugender als die Wirklichkeit? Hatte nicht halb Amerika tief erschrocken begonnen, die Koffer zu packen, als Orson Welles vorgaukelte, Marsmenschen seien auf der Erde gelandet und auf dem Vormarsch? Als Wolfgang Menges "Smog" durchs deutsche Fernsehen wallte, fühlten sich diejenigen, welchen die Einleitung zum Film entgangen war, dem Ersticken nahe.

Doch als kürzlich bekannt wurde, daß Paris auf einem Meer von Öl schwimmt, mochte das niemand wahrhaben; die Zeitungen, obwohl in die Sensation verliebt, trauten der Nachricht nicht und druckten sie zweifelnd ("Ölsuche mitten in Paris?" – FAZ) ganz klein.

Hätten sie sich nur auf der Frankfurter Buchmesse umgetan und nach dem noch ganz druckfrischen Roman von Gerd Zenkel und Radomir Smiljanic gegriffen und den "Untergang von Paris" zur Kenntnis genommen. Mit launigem Entsetzen ist darin erzählt, wie die von den Romanhelden verfaßte seherische "Chronik" Roman-Wirklichkeit wird und wie sie versuchen, den Untergang von Paris zu verhindern. Paris, so ist da prophetisch zu lesen, stünde auf einer "unermeßlichen Ölblase". Und tatsächlich: Die Politiker, von der letzten Ölkrise nervös, von Geldgier besessen, vom Glauben genötigt, das Machbare auch machen zu müssen, beuten den unterirdischen, vor allem auf den hastig abgeräumten Friedhöfen schon an die Oberfläche drängenden Energieschatz (durch den Konzern Elf Aquitaine) aus und verschleudern dafür ihre schöne Stadt an die Meistbietenden in aller Welt: den Eiffelturm nach Moskau, den Invalidendom nach Tirana, Sacre Coeur nach Polen; Chile bucht große Familiengrüfte, China Bordells, England die drei wertvollsten Restaurants mitsamt dem Personal, die DDR die französische Presse, Schweden, vom ewigen Frieden daheim gelangweilt, kauft den Triumphbogen, und Amerika erbarmt sich des Louvres. "Es ist doch erstaunlich", liest man, "wie viel von Paris erhalten bleibt." Alles wurde von den kaufenden Nationen bar bezahlt. Oder mit Gold.

Während schon braune Fontänen aus dem aufbrechenden Asphalt schießen, numerieren die Amerikaner, "angeseilt wie Alpinisten", die Fassade, zersägen sie und verpacken sie eilends in "gigantische Kisten". Auf der Place de la Concorde ist das zentrale Maschinen-Ersatzteillager eingerichtet. Die Pariser Ministerien richten sich bereits am Rhein neu ein.

Eine Fiktion? Auf einmal ist sie schon halb Wirklichkeit: "Beobachter", meldet Reuter, "rechnen damit, daß sich das Pariser Becken schon bald zu einer wichtigen Ölregion... entwickeln könnte." Die neueste Bohrkarte verzeichnet Vorkommen in 900 und 2000 Metern Tiefe. Es heißt, man wolle sie nicht mit gewaltig aufragenden Bohrtürmen von oben anbohren, sondern über Tunnels erschließen. Elf Aquitaine hat bereits die Lizenz beantragt.

Was den Helden des Romans leider nicht gelungen ist, wollen nun die lebenden Helden der Feder anpacken: den "Untergang von Paris" verhindern. Kürzlich gründeten Schriftsteller, darunter Miodrag Bulatovic, Erich Fried und Peter Rühmkorf, sowie Juristen, Architekten, ein Mineraloge und ein Altgermanist und die Romanautoren Zenkel und Smiljanic, das "Komitee Rettet Paris". Es will mit allen Mitteln versuchen, auf Unterlassung der Ölförderung zu drängen, das heißt, die Firma Elf Aquitaine daran hindern, "Paris zu ruinieren". Es will an Präsident Mitterrand und die Académie Française telegraphieren und den Haager Gerichtshof alarmieren. Es ist phantastisch, aber wirklich. M. S.