ZDF, Sonntag, 11. November, 20.15 Uhr, Dienstag, 13. November, 19.30 Uhr: "Der letzte Zivilist".

Ein schwaches Buch, von sprachlichen Klischees strotzend und vollgepfropft mit papierenden Figuren, Knallchargen, die weder Typen noch Charaktere sind: Ernst Glaesers Roman Der letzte Zivilist. Ein Film, an dem gemessen selbst dieses ehrenwerte, wenngleich mißglückte Buch wie ein Beinahe-Kunstwerk erscheint: Laurent Heynemanns in einer deutschfranzösischen Gemeinschaftsproduktion nach Glaesers Buch gedrehtem Fernsehstück.

Drei Stunden lang redeten begabte Schauspieler, hochberühmte Akteure darunter, steifleinene Sätze, die der Betrachter am Bildschirm mit einiger Mühsal ins Mündliche, Umgangssprachliche, Natürliche zurückübersetzen mußte. Einhundertachtzig Minuten Synchron-Deutsch in einem Film, der, wie zu erfahren war, im Württembergischen spielte – einem Land offenbar, in dem, anders als im Hunsrück (Edgar Reitz’ wurde voll Wehmut gedacht), niemand des Landesdialekts mächtig ist: Die für Schwaben ausgegebenen Originale redeten wie Schauspieler halt so im Studio sprechen.

Schriftdeutsche Phrasen und Papierbänder, auf denen poetische Floskeln zu lesen waren, entrollten sich den Mündern einiger zu Schurken, Heroen, Untermenschen und Idealisten bestimmten Damen und Herren: Jeder einzelne eine pralle, auf Aktion getrimmte Charge – das Ganze ein Trauerspiel, und ein höchst unpolitisches dazu. Statt der Nationalsozialisten in deutscher Provinz vor 1933 traten Schauspieler auf, die Scharen von Lesebuch-Nazis mimten: Schurken und Schläger, Homophile und Heterosexuelle, Dämonen und Triebtäter – ein Bestiarium, das die schauerliche Normalität des Faschismus, sein Alltagsgesicht so wenig wie die dahinterstehende, sich mit familiärem Edelmut, gut katholischer Gesinnung und protestantischem Nationalismus so trefflich – scheinbar trefflich! – zu vereinbarende Ideologie ins Blickfeld rückte.

Von zwei Annahmen abgesehen (Träger und Diefenbach) wurde das Schauerstück – kriminalistische Folklore, Braunhemd-Moritat und Action-Film mit viel Zitaten – von finsteren Unholden und ein paar humanen Geistern bestritten. Keine Mischfiguren, keine Übergänge, keine Gegensätze und Brüche in den Personen: alles nach Schema F abgerollt. (Und in der Mitte, eine wenig hilflos, der große Max von Sydow aus Schweden.)

Wo Glaeser zumindest Ansätze von Charakterprogrammen entwickelt (Mutter Diefenbach inmitten der fanatischen Betschwestern; Sekretär Kaiahne mit der verhaßten und ihrer illustren Sprache wegen dennoch widerwillig geliebten Frankfurter Zeitung), läßt Heynemann es bei simpler Schwarzweißmalerei sein Bewenden haben: Heißa, ist das ein Teufel, dieser Doktor mit seinem Klumpfuß! Und immer das Gröbste und Schrillste gewählt! Und natürlich muß der Bürgermeister während seiner Rede vom Schlag geholt werden, nicht erst – wie undramatisch! – im Automobil, bei der Heimfahrt.

Nirgendwo Hintergründe beleuchtet, das Zusammenspiel zwischen der Industrie und den Nationalsozialisten z. B.: "10 000 Mark", heißt es in Glaesers Roman, "betrug der Scheck, den die Industriellen ... auf dem Altar der deutschen Zukunft niedergelegt hatten. Kaiahne hat ihn in der Brieftasche." (Kaiahne, das ist der Goebbels aus der Provinz.) Alle Figuren rigoros amputiert – am brutalsten ausgerechnet die ergreifendste Figur des Romans, der kriegsversehrte Kern, der im Film außer ein paar markigen Schlagworten und den dazugehörigen Gesten nichts zu bieten hatte. Eine Keilerei genügte. Geprügel, Gejohle, Gesaufe, Schießerei und Intrigen, Possen und Szenen, die sich nicht entwickelten und nicht ausklangen, sondern von Höhepunkt zu Höhepunkt eilten.

Wie’s halt im Kino zuzugehen pflegt, und wie’s in Wirklichkeit mitnichten so war. Deutsche Vergangenheit, verharmlost und verkitscht in theatralischen Episoden. Hitler als Räuberhauptmann und die SA als eine Bande, die von Schiller das Pathos, die Intrige mit Briefen und das Vagabundieren gelernt hatte. Die deutsche Sprache freilich bleibt auf der Strecke – nicht nur, wenn die Sturmabteilung marschierte. Und auch die Szenenführung hatte mit Schiller wenig zu tun, mehr schon mit Ernst Glaeser und am allermeisten, leider, mit einem von allen guten Geistern Thalias und Klios verlassenen Regisseur! Momos