Von Hans Krieger

In seinen Lebenserinnerungen, erschienen kurz vor seinem Tod im Jahre 1962, erzählt Carl Gustav Jung von einer blasphemischen Vision, die er in seiner Schulzeit hatte. Drei Tage lang kämpfte er in Angst und Qual mit der Versuchung, dann ließ er das Bild kommen: "Vor meinen Augen stand das schöne (Basler) Münster, darüber der blaue Himmel, Gott sitzt auf goldenem Thron, hoch über der Welt, und unter dem Thron fällt ein ungeheures Exkrement auf das neue bunte Kirchendach, zerschmettert es und bricht die Kirchenwände auseinander." Gott also scheißt – er scheißt auf die Kirche. Jung hat den Durchbruch dieses Bild-Gedankens als Mutprobe erlebt; man könnte es eine Initiation nennen. Davor zerreißende Angst, die Angst vor Verdammnis, vor dem luzifensch Bösen, danach ein beseligendes Gefühl der Erlösung: das Heilige und sein Gegenpol hatten in einer ersten Vorahnung zur Einheit gefunden.

Die Szene fiel mir ein, als ich Herbert Achternbuschs umkämpften Film "Das Gespenst" sah und rätselte, warum ein um Scheiße bettelnder Christus so viele Kritiker begeistert. Sie machte mir den Abstand deutlich, der das große, produktive Ketzertum vom bloßen Mutwillen trennt. Sieben Jahrzehnte hat Jung sein Erlebnis verschwiegen, aber es wurde ihm zur Quelle kreativen Denkens.

Und wieder fiel die Szene mir ein, als ich Franz Alts C. G. Jung-Lesebuch in Händen hielt –

"Das C. G. Jung-Lesebuch", ausgewählt von Franz Alt; Walter-Verlag, Olten/Freiburg, 1983; 376 S., 29,80 DM.

Ich fragte mich, was C. G. Jung mir bedeutet. Die Grundgedanken eines Lebenswerkes als Seelenforscher sind in diesem Gymnasiasten-Erlebnis bereits da, denkerisch noch unentfaltet, aber als Erfahrung mächtig: die "Wirklichkeit der Seele" und die Einheit der Gegensätze.

"Wirklichkeit der Seele" (Buchtitel einer Aufsatzsammlung Jungs) meint: jenes "Unbewußte", das Freud als eine Art innere Müllhalde erkundet und rationaler Aufräumarbeit überantwortet hat, stellt eine autonome Realität dar, die objektiv gegeben ist, aber nicht "objektiv" betrachtet werden kann, weil sie unsere eigene Lebenssubstanz ist; sie nur verstandesmäßig zu zergliedern, käme einer Vivisektion des Forschers am eigenen Leibe gleich, die zerstört, was sie erkennen will. Das mag nach mystifizierender Gegen-Aufklärung aussehen, ist aber ein zweiter Schritt der Aufklärung, der den naiven Glauben überwindet, der menschliche Verstand könne die Welt von einem außer ihr gelegenen archimedischen Punkt aus betrachten (für die exakten Naturwissenschaften hat Heisenberg diesen Schritt mit seiner Unbestimmbarkeitsrelation vollzogen).