Von Matthias Horx

Mein Dealer ist ein Sechzehnjähriger aus gutem Hause. Er wohnt in einer Villengegend, die mit ihren Garagen, Golfs (GTI) und Geranien zur Tarnung geradezu ideal ist. Da heute seine Eltern nicht zu Hause sind, komme ich persönlich zur Warenprobe vorbei. Nach einigen ermüdenden Ballerspiel-Varianten schiebt mein Dealer einen Leckerbissen in den Schacht des Diskettenlaufwerks: Ein Spiel namens "Castle Wolffenstein".

Es unterscheidet sich von anderen Videospielen durch den "Plot" – es handelt sich keineswegs um das Eindringen feindlicher UFO-Streitkräfte in den Wirkungsbereich der eigenen Laserkanone, sondern um ein Gefangenenlager der Nazis in Form eines unendlichen Labyrinths. Friedlich kann man es allerdings auch nicht nennen: Ich muß grölende SS-Schergen mit meiner Pistole umschießen, suche in Kisten nach "Sauerkraut", "Schnapps" und "Liebfraumilch" (in deutsch) und brauche diverse Schlüssel und geheime Lagepläne für das Ziel des Spiels: den Führer mit einer "handgranade" in die Luft zu sprengen. Zusätzlicher Clou: Die Männchen brüllen in näselnder Computersprache, Zum Beispiel "Achtung!" und "Ausweis!" und "Kapott!!!", wenn sie mein armes Männchen liquidiert haben.

Natürlich muß ich diesen antifaschistischen Spaß in meine Videospiel-Sammlung aufnehmen – trotz Geschmacklosigkeit. Als ich nach Hause gehe, habe ich eine kleine, schwarze Scheibe fest unter den Arm geklemmt. Auf der Diskette sind sechs Spiele gespeichert. Mein Dealer wollte 45 Mark dafür. Ich gab ihm fünfzig. In einem gewöhnlichen Computerladen hätte der ganze Spaß über 700 Mark gekostet.

Immer brav vor dem Computer

Durch ein Inserat in einer der unzähligen Computerzeitschriften habe ich meinen Dealer kennengelernt. Dort werden, unter der Rubrik "Biete Software" recht unverhohlen die "geknackten", ihres Kopierschutzes beraubten Computerspiele angeboten – mal diskret als Tausch getarnt, mal offensiv ("Geile Spiele, frisch geknackt!"). Ein Anruf genügte, und mir flatterte ein fünfundzwanzigseitiger Computerausdruck mit der Angebotsliste ins Haus. Mein Dealer war gut sortiert. Er bietet an die tausend Programme für den "Commodore 64" an – einen der verbreitetsten Homecomputer. Von der Biorhythmus-Kurve über die Textverarbeitung bis zum hochkomplizierten mystisch-elektronischen Brettspiel "Archon" (inklusive eines fotokopierten Anleitungsheftes von 100 Seiten) ist bei ihm alles zu haben, was es für diesen Computertypus gibt – darunter amerikanische Spiele, die auf dem deutschen Markt noch gar nicht angeboten werden. Zu einem Zehntel des Ladenpreises. Damit "macht" er so an die 300 Mark die Woche. "Mehr läuft nicht, sonst wird’s tierisch", sagt er.

Er hat schon alles, was er braucht: Von der Stereoanlage bis zum Rennrad. Mit den Eltern gab es neulich "Zoff". Da flatterte nämlich eine Unterlassungsklage der Firma "Data Becker" ins Haus, in der ihm – bei einer Strafandrohung von 50 000 Mark – untersagt wurde, ein bestimmtes Programm dieser Softwarefirma weiter zu verkaufen. "Das war echt ungeil", erzählt er grinsend. "Aber ich Verkaufs jetzt eben nicht mehr. Ich speichert umsonst mit auf die Disketten – damit sich die Beckers grün und blau ärgern."